Ori Gersht: Evaders Far off Mountains & Rivers, 2009, © Ori Gersht

„Wie Geister in der Dämmerung“

Mit Photo- und Videokamera richtet der Künstler Ori Gersht seinen Blick auf die gesellschaftlichen Katastrophen unserer Geschichte. Ausgehend von Walter Benjamin beschäftigt er sich in der Werkreihe „Evaders“ mit dem Thema Flucht – ein Gespräch über seine Arbeit. *

Ein Interview von Marius Hoppe und Sophia Schalt

Im Bauhaus-Museum Weimar wird gerade Ihre Arbeit „Evaders“ gezeigt. Worum geht es darin?

Evaders ist eine Werkreihe, die sich mit der Fluchtroute von Banyuls-sur-Mer bis Portbou beschäftigt. Der Philosoph Walter Benjamin ist sie gegangen, als er 1940 aus dem von den Nationalsozialisten besetzten Vichy-Frankreich über Spanien nach Portugal und schließlich in die Vereinigten Staaten fliehen wollte. Die Gegend zwischen Banyuls und Portbou diente Vielen als Fluchtroute – daraus leitet sich der Titel meiner Arbeit ab (Evader, engl. – der Flüchtige). Die Einheimischen sprachen auch von „évader“, also französisch für „sich verflüchtigen“, da die Geflüchteten während des Krieges wie Geister in der Dämmerung auftauchten und wieder verschwanden. Das waren Menschen, von denen niemand wusste, wer sie waren oder woher sie kamen. 400 von ihnen, die über diese Route entkommen sind, wurden von dem amerikanischen Journalisten Varian Fry unterstützt. Walter Benjamin war einer von ihnen. Doch als er die Grenze erreichte, was sie geschlossen. In seiner Verzweiflung beging Benjamin daraufhin Selbstmord.

Welche Rolle spielt Walter Benjamin in Ihrer Arbeit für Sie?

Evaders bezieht sich auf das Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee, das sich im Besitz von Walter Benjamin befand. In einem seiner letzten Texte – die sogenannte IX. Geschichtsthese – bezeichnet Benjamin den Angelus novus als „Engel der Geschichte“: Er beschrieb ihn als eine verzweifelte Figur, welche in die Vergangenheit blickt und nichts als Trümmer sieht. In dem Text möchte der Engel zurückgehen und die Trümmer wieder zusammensetzen. Hilflos wird er jedoch von einem heftigen Wind getrieben, der durch seine Flügel bläst und der ihn rückwärts in die Zukunft treibt. „Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“, heißt es ganz zum Schluss in Benjamins Text.

Für mich geht es in diesem Text um die dialektische Spannung zwischen der materialistischen und der mystischen Geschichtsauffassung. In der materialistischen Auffassung ist alles in Bewegung und strebt auf ein klares Ziel hin. Es gibt kein Entweder-Oder, alles ist vor-determiniert, ein Schritt führt zum nächsten und letztlich steht einem alles klar vor Augen. In der mystischen Auffassung hingegen ist das messianische Moment des Engels von zentraler Bedeutung. Dieser befindet sich zwar in der Gegenwart, doch sieht er die gesamte Vergangenheit vor sich. Zukunft wird auf diese Weise komprimiert, ähnlich wie im messianischen Glauben ist alles zusammengefügt und erwacht dabei zum Leben.
Dieses Spannungsfeld war entscheidend für die Entstehung von Evaders: Darin geht es mir um einen Menschen, der gegen Wind und Naturgewalten ankämpft und dabei versucht, eine Grenze zu überqueren. Eine Grenze, die es dank der europäischen Vereinigung nicht gab, als ich meinen Film drehte. Solche Grenzen sind aber aufgrund des Brexits wieder entstanden. Grenzen, die es wiederum auch für syrische Geflüchtete gibt, wenn sie nach Europa kommen möchten. In der Zeit von Benjamin war diese Grenze ebenso real, sie teilte zwischen Leben und Tod.

Der Film in Evaders entstand bei Schnee und Sturm. Der Schauspieler Clive Russel, der die Hauptfigur spielt, kämpft sichtlich mit den Bedingungen vor Ort. Wie verliefen die Dreharbeiten?

Wir haben Evaders im Februar gedreht. Ich hoffte auf extremes Wetter, denn ich wollte die physischen Anstrengungen und den Kampf des Protagonisten mit den klimatischen und geologischen Bedingungen im Gelände einfangen. Aber als wir ankamen – direkt nach einem Orkan –, war der Himmel ganz blau und alles ruhig. Während der zehn Tage Dreharbeiten hat sich das Wetter dramatisch geändert – glücklicherweise, denn so konnten wir auch während eines Schneesturms drehen. Um die Bedingungen noch zu verstärken, haben wir für ein paar Tage einen Hubschrauber angeheuert. Er sollte über uns fliegen und dabei noch mehr Wind erzeugen. Der war tatsächlich so stark, dass das Filmen sehr anstrengend wurde.

Ori Gersht: Evaders, 2009, © Ori Gersht

Für die Struktur des Films habe ich dann zwei Ansätze verfolgt: Einmal ging es mir um die in der Landschaft wandernde Figur, die wie ein Geist auftaucht und wieder verschwindet. Auf der anderen Seite wollte ich die körperlichen Anstrengungen von Clive Russel einfangen. Hierfür sollte Clive nachts auf einem sehr schmalen Pfad einen Berg hinaufgehen. Ich leuchtete ihm dabei mit einer Taschenlampe ins Gesicht, sie war seine einzige Orientierung. Er war durch das Licht völlig geblendet und um nicht vom Weg abzukommen, musste er dem Licht folgen. Ich ging zusammen mit Bevis Bowden, dem Kameramann, eine Stunde rückwärts vor ihm her, die Bedingungen waren dabei extrem. Auf diese Weise schufen wir eine Art Band der Abhängigkeit und des Vertrauens zwischen uns dreien. Im Close Up von Clives Gesicht ist die Anstrengung zu sehen. Die körperlichen Gefühle sollten im Film die emotionalen übersteigen. Dabei hatte ich kein Interesse daran, das bereits Geschehene nachzuspielen, es ging mir eher um eine Art Erkundung. Benjamin ist zwar den gleichen Weg gegangen, aber das, was er durchgemacht hat, wollte ich nicht nachstellen. Bei meinem Film handelt es sich eher um eine Parallel-Reise: Das geografische Terrain mag zwar dasselbe gewesen sein, aber die Zeit und die Umstände waren während meiner Aufnahmen ganz anders.

In dem Video gibt es Szenen, bei denen nicht klar ist, ob sie vorwärts oder rückwärts abgespielt werden. Sie erinnern an Walter Benjamins Engel der Geschichte, der in der Gleichzeitigkeit von Zukunft und Vergangenheit gefangen zu sein scheint. Welche Rolle spielt Zeit in Ihrer Arbeit?

Bei den Dreharbeiten habe ich versucht, die zeitlichen Ebenen verschwimmen zu lassen. Ich wollte, dass der Film ein Gefühl vermittelt, in dem es weder ein Anfang noch ein Ende gibt. Der Protagonist wandert durch die Jahreszeiten, dort gibt es keine Linearität. So bewegt sich der ganze Film stets vorwärts und rückwärts durch Schnee, durch Sturm, durch einen sonnigen und klaren Himmel, durch Nebel usw., aber die Reise ist ewig. Sie ist nie zu Ende. Das erinnert an die Figur des Sisyphos, der den Felsen den Berg hinaufschiebt und doch den Gipfel nie erreicht.

Ihre Fotografien erinnern stark an die mächtigen Naturbilder der deutschen Romantik, wie zum Beispiel Caspar David Friedrich. Welche Beziehung haben Sie zur romantischen Kunst?

In dieser Arbeit spielt die Romantik eine zentrale Rolle, schließlich geht es in ihr darum, ein Gefühl der Verrückung zu erzeugen. Für mich ist die deutsche Romantik die Kraft, die Walter Benjamin beziehungsweise den Protagonisten immer wieder in die Vergangenheit zurückzieht. Er versucht zu fliehen, aber nicht nur um von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern um seinen kulturellen Wurzeln zu entkommen – und das ist eine unmögliche Aufgabe. Der ganze Film ist durchzogen von einem andauernden Kampf und einem Gefühl der Vertreibung. Der Film spielt zwar in den unteren Pyrenäen, aber was ich eigentlich zeigen wollte, waren die Alpen.

Die Alpen waren in der deutschen Romantik ein Sehnsuchtsort vieler Künstler und ein häufiges Motiv in der Kunst.

Ich habe versucht, die Landschaft der Alpen einzufangen, während ich mich an einem anderen Ort befand. In der Fotografie ist das eine echte Herausforderung, denn die Fotografie ist prinzipiell anders als die Malerei oder die Zeichnung. Sie fängt die Landschaft, die physische Umgebung ein. Deshalb musste ich ganz bestimmte Lichtverhältnisse abwarten, um dies zu erreichen. Aus diesem Grund musste ich mit dem Hubschrauber sehr hoch über die Felsen fliegen, um diese besonderen Qualitäten, nach denen ich suchte, einfangen zu können.

Ori Gersht: Evaders Far off Mountains & Rivers, 2009, © Ori Gersht

Am Ende des Films sieht man Clive Russell wieder in seinem Zimmer und es scheint, als wäre alles nur ein schlechter Traum gewesen. Warum haben Sie dieses Motiv für Evaders gewählt?

Ich wollte eine Spannung erzeugen zwischen dem Physischen und dem Mystischen, der greifbaren und der imaginären Welt sowie dem Geografischen und dem Kulturellen. Die Reise wird dadurch zu etwas, das sich zwischen der physischen Welt und der des Geistes abspielt. Deshalb verwende ich die Eröffnungs- und Schlussszene so, als ob alles, was passiert, irgendwo in diesem Raum liegt. Die beiden Szenen rahmen das Geschehene.

Die Künstlerin Esther Shalev-Gerz – die auch im Rahmen der Ausstellungsreihe „Welt übersetzen. Zeitgenössische Perspektiven auf Walter Benjamin“ ausstellte – sagte, sie könne ein Kunstwerk nie vollenden. Beenden Sie Ihre Arbeiten?

Ja, ich würde schon sagen, dass ich meine Kunstwerke abschließe. Ich betrachte sie als eine Art geschlossenen Kreis. Oder als Ringe, die miteinander verbunden sind. In jedem einzelnen Werk gibt es einen Moment, wo ich merke, dass es vollendet ist. Manchmal wirken die Arbeiten weiter und setzen sich an anderer Stelle fort. Das erzeugt eine Art Kontinuität. Irgendwann erschöpfen sich die Arbeiten und für mich ist dann der Satz fertig, der Absatz geschrieben und das Kapitel abgeschlossen. Es ist dann Zeit für mich weiterzugehen. Das ist ein ganz intuitives Gefühl. Ich spüre, wann es Zeit ist, ein Werk abzuschließen und in die Ausstellung zu bringen. Für mich ist die Ausstellung eines neuen Werks eine Art Endpunkt. Solche Endpunkte und Neuanfänge haben etwas Kontinuierliches, an denen etwas Neues steht.

 

Ori Gersht wurde 1967 in Israel geboren und lebt seit über 30 Jahren in London. Während seiner gesamten Laufbahn beschäftigte sich sein Werk mit den Beziehungen zwischen Geschichte, Erinnerung und Landschaft. Gersht nähert sich dieser Herausforderung nicht nur durch die Wahl seiner Bilder, sondern indem er die technischen Grenzen der Fotografie auslotet und ihren Wahrheitsanspruch in Frage stellt. Die Betrachtenden werden visuell verführt, bevor sie mit dunkleren und komplexeren Themen konfrontiert werden, die eine zwanghafte Spannung zwischen Schönheit und Gewalt darstellen.

* Das Interview fand auf Englisch statt und wurde anschließend ins Deutsche übersetzt.