Die Künstlerin Esther Shalev-Gerz, Foto: Nora Rupp

Vergangenheit und Zukunft ereignen sich immer im Jetzt

Im Jahr 2000 realisierte die Künstlerin Esther Shalev-Gerz die Installation „Inseparable Angels. An Imaginary House for Walter Benjamin“ in Weimar. Anlässlich der Ausstellungsreihe „Welt übersetzen“ wird sie nun wieder im Bauhaus-Museum gezeigt. Ein Gespräch mit der Künstlerin über Goethe, Walter Benjamin und Räume nicht-erzählter Geschichte. *

Ein Interview von Marius Hoppe und Sophia Schalt

Frau Shalev-Gerz, Sie wurden 1999 zum europäischen Kulturhauptstadtjahr nach Weimar eingeladen, um hier ein Kunstwerk zu entwickeln. Welche Fragen hatten Sie an den Ort?

Mit der Einladung ging einher, einen Künstler zu wählen, der in den letzten hundert Jahren in Weimar gearbeitet hat. Ich entschied mich für Paul Klee und bald darauf für sein Gemälde Angelus novus, das der Philosoph Walter Benjamin im Jahr 1921 erwarb und welches ihn zutiefst inspirierte. Davon ausgehend beschloss ich in Weimar ein „Haus“ für Walter Benjamin zu errichten. Die Frage war für mich, ob wir dieses Haus dem Ort hinzufügen sollten, der gemeinhin als „Wiege der deutschen Kultur“ bezeichnet wird. Ich nahm damals ein Taxi von Goethes Wohnhaus nach Buchenwald und der Fahrer beschrieb mir die Geschichte der Straße, die dort hinführt, sowie andere Dinge über den Weg zwischen diesen beiden Orten.

Als Esther Shalev-Gerz nach Buchenwald fuhr, hat sie die Unterhaltung mit dem Taxifahrer in einem Video aufgenommen. Es ist Teil der Installation Inseparable Angels.

Wenn man sich mit Geschichte befasst, reihen sich die historischen Momente auf, wie auf den Faden einer Perlenkette: Jedes Ereignis steht für sich und hat seine ganz eigene Handlung – es ist unmöglich alle Perlen der Geschichte zu kennen. Wenn ich eine Arbeit entwickle, ist es mir daher wichtig, genau hinzuschauen und danach zu fragen, was Kultur abseits des offiziellen Narrativs ausmacht. Welche Geschichte gibt es noch? Was wird nicht in den Museen erzählt?

Welche Bedeutung hat dabei Walter Benjamin für Sie?

Woher wissen wir, welche Dinge in der Geschichte von Bedeutung sind und welche nicht? Ich weiß es nicht und dadurch fühle ich mich eng mit Benjamin verbunden. Für ihn konnte jeder Gegenstand von Bedeutung sein, selbst ein Kinderspielzeug oder ein Telefon weckten sein Interesse, er unterschied da nicht. Er war ein Philosoph über das Leben und weniger ein Philosoph im klassischen Sinne. Das haben wir gemeinsam. Zugleich hatte Benjamin dieses Talent, die Dinge um ihn herum intensiv wahrnehmen und ausdrücken zu können. Man kann das gut in seinem Text zum Engel der Geschichte erkennen. Hier geht es um Sprache, die Natur, den Wind und das Paradies. Einfach unglaublich, wie er diese Worte nutzte, um eine Katastrophe anzukündigen.

Das Bild Angelus novus von Paul Klee hat Walter Benjamin lange begleitet und sein Denken geprägt. Er interpretierte es in seiner berühmten IX. Geschichtsthese: „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Benjamin dachte nicht in Kategorien und changierte stattdessen permanent zwischen ihnen. Er hätte nie gesagt, dass dieses oder jenes Wort schlecht wäre, weil es in negativen Kontexten benutzt wurde. Und das macht ihn modern. Seine Texte passen sich immer der jeweiligen Zeit, dem Heute, an. Dieses Merkmal, stets aktuell zu bleiben, macht ihn so bedeutend. Darum ist es auch so besonders für mich nach Weimar zu kommen und das Bauhaus-Museum zu sehen, es aktualisiert Geschichte in ähnlicher Weise. Hier fügen sich Dinge zusammen, die vorher nicht in das Bild der Geschichte einbezogen wurden. Das Narrativ des rein auf klare Farben und Formen reduzierten Bauhauses wird hier revidiert. Aufgrund dieses Aktualisierungsprozesses wollte ich in Weimar noch einmal „A House for Walter Benjamin“ realisieren – Benjamin gehört absolut hierher!

Walter Benjamin war tatsächlich in Weimar, um zu forschen. Er wohnte im Hotel Elephant, von dort aus blickte er auf den Marktplatz und dachte über Goethe nach. Wie zeigt sich Benjamins Auseinandersetzung mit Goethe in Ihrer Arbeit?

Am meisten inspirierte mich Benjamins Beschreibung von Goethes Wohnhaus, er träumte sich regelrecht dorthin. Für ihn war es typisch, sich die Orte so vorzustellen, als wäre er wirklich dort. Das „Imaginary House“ thematisiert diese „Traum“-Reisen von Benjamin. Insofern steht meine Installation für Zeit, die auf Zeit trifft. Ich möchte die Spuren der Vergangenheit aufzeigen, die noch sichtbar und berührbar sind. Kommen wir zum Beispiel auf Buchenwald zurück: Goethe unternahm Nachtwanderungen am Ettersberg, also an dem Ort, wo heute die Gedenkstätte Buchenwald ist. Es ist dort auch heute noch landschaftlich wunderschön und gleichzeitig so kalt. Was man sieht und was man fühlt sind unterschiedliche Dinge und ich spürte das auf meiner Taxifahrt dorthin. An diesem Ort kommen zwei Seiten auf einmal zum Vorschein.

Die Spuren der Vergangenheit sind in Ihrer Arbeit sehr präsent, aber genauso das Motiv der Doppelung. Das sieht man etwa an Ihrer Fotografie von Goethes Gartenhaus. Was hat es damit auf sich?

Ich kann mit dem „Einen“ wenig anfangen – der Gott, der König, das Singuläre. Walter Benjamin verfasste den berühmten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, in dem er Fragen zum Verhältnis zwischen einem Original und einer Kopie behandelt. Ich greife dieses Thema in meiner Arbeit auf und frage danach, was echt ist und was eine Kopie. Ist es das Video oder das Foto? Wird darin die Wirklichkeit festgehalten? Deswegen arbeite ich mit Doppelungen beziehungsweise Spiegelungen. Es handelt sich bei ihnen um zwei Seiten, die zugleich etwas Komplementäres wie Gegensätzliches haben. Zwischen zwei Elementen passiert eine Interaktion, die es im Einen nicht gibt. So habe ich auch Walter Benjamin betrachtet: Ich habe mich gefragt, wie er sich in Goethe wiederentdeckte, in diesem Spiegel der deutschen Kultur, und welche Interaktionsräume diese Auseinandersetzung erzeugte. Aber das kann ich erst jetzt in Worte fassen. Als ich meine Arbeit entwickelt habe, bin ich sehr intuitiv vorgegangen.

Esther Shalev-Gerz: Angel 9 – Goethe’s Garden House and its Copy, 2000. S/W-Druck auf Archivpapier, 41 × 61 cm. © Esther Shalev-Gerz

In Ihrer Installation widmen Sie Benjamin ein imaginäres Haus. Das hat etwas Berührendes, da Benjamin zum Schluss kein Zuhause mehr hatte. Er glich physisch wie intellektuell einem Nomaden, der überall und nirgends zuhause war.

Das stimmt. Ich wollte Benjamin ein Haus errichten, ohne ihm tatsächlich ein Haus zu errichten. Ich dachte dabei an die Pariser Passagen – ich wohne in Paris und ständig gehe ich durch sie hindurch. Diese Orte liegen zwischen zwei Häusern und sind mit Glas überdacht, wodurch sie einen neuen Raum schaffen. Man fühlt sich dort als wäre man drinnen und draußen zugleich, dabei aber beschützt. Doch vielleicht brauchen wir gar nicht diesen Schutz. So war es für Benjamin. Unstetigkeit war für ihn in Ordnung. Sein Haus bestand eigentlich aus den Dingen, die er mit anderen Menschen teilen konnte. So vertraute er etwa seinen Engel Angelus novus anderen an und lebte sein Leben weiter.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ging Walter Benjamin ins Exil nach Paris und ließ zunächst den Angelus novus zurück. Erst 1935 erhielt er ihn wieder. Als die Wehrmacht 1940 in Frankreich einmarschierte und Benjamin wieder fliehen musste, blieb es erneut zurück und wurde von dem Schriftsteller und Philosophen George Bataille verwahrt. Nach Walter Benjamins Tod kam das Bild zunächst in den Besitz von Theodor W. Adorno und anschließend zu Benjamins alten Freund Gershom Scholem, für den er es schon 1932 bestimmt hatte. Nachdem Scholem 1982 starb, übergaben seine Erben das Bild im Jahr 1987, zusammen mit anderen Mäzenen, dem Israel Museum in Jerusalem.

Wenn wir über Passagen sprechen, dann reden wir auch von Zwischenräumen. Was interessiert Sie daran?

Mir geht es um die Leerstellen zwischen den Begriffen, die unbenannten Räume, die vermeintlich unwichtig sind. Durch die Einbeziehung des Dazwischen werden neue Ausdrucksweisen möglich und unbekannte Räume erschlossen. Das birgt etwas Unendliches. Wie bei meiner Doppel-Uhr und den Fotografien kommen jeweils zwei Zeiten, zwei Momente zusammen. Ich glaube, dass es uns die Dinge näherbringen kann, die sonst schwer zu erfassen, zu erklären und zu beschreiben sind. Im Grunde sind wir dazu erzogen worden, in Ja/Nein- und Schwarz/Weiß-Schemata zu denken. Aber eigentlich ist es doch so, dass alles im Dazwischen passiert und eine dritte Möglichkeit uns leitet. Genauso ist es mit dem Gegensatz von Vergangenheit und Zukunft. Wir wollen uns in der Gegenwart auf die Zukunft vorbereiten. Aber die Zukunft ist das Jetzt, denn wir können sie nur im Jetzt erfassen. Das Gleiche gilt auch für die Vergangenheit, denn sie ist ebenfalls in der Gegenwart präsent. Wenn wir uns erinnern, dann greifen wir auf Vergangenes zurück und holen es ins Jetzt. So erschaffen wir etwas für die Zukunft.

Esther Shalev-Gerz: Inseparable Angels – Unzertrennliche Engel, Doppel-Uhr 2010. 66 × 120 × 15 cm. Gebaut von Jaeger-Le Coultre. © Esther Shalev-Gerz

Die Fotografien in Ihrer Arbeit sehen unscharf und verzerrt aus – worum geht es Ihnen bei diesem Effekt?

Die Fotografien meiner Installation beziehen sich auf den Moment, als ich während der Taxifahrt filmte und mir der Fahrer die Bedeutung von nicht-sichtbaren Orten näherbrachte. Zum Beispiel erklärte er mir in Buchenwald, dass dort ein Bahnhof war, man aber heute nichts mehr davon sehe. Von diesem Moment habe ich das Bild verdoppelt, indem ich drei Sekunden aus dem Video herausschnitt. Ich wollte hier zeigen, dass etwas zwischen diesen beiden Ebenen existiert. Daraus entstand eine Collage von zwei Zeitschichten, die auf eine dritte Wirklichkeit verweist. Fotografien haben für mich etwas Irreparables. Beim Fotografieren drängt sich die Vorstellung auf, dass man die Gegenstände, die man einfangen möchte, abbilden könne. Aber natürlich geht das nicht, eine getreue Abbildung gelingt nie – das Motiv erscheint mal zu groß, mal zu flach oder zu klein. Es bleibt immer eine Differenz bestehen. In meinen Bildern möchte ich das deutlich machen.

Wenn Ihre Arbeit irreparabel ist, bleibt sie dadurch nicht auch unabgeschlossen?

Ich beende niemals meine Arbeiten vollständig. All meine Arbeiten werden von den Besuchern vervollständigt, deswegen betrachte ich nichts als abgeschlossen.

 

Esther Shalev-Gerz ist Fotografin, Konzept- und Videokünstlerin. Sie ist international bekannt für ihre Beiträge zur Kunst im öffentlichen Raum und ihre Arbeiten zum Verhältnis von Erinnerung und Geschichte sowie zu kulturellen Identitäten. Von 2003 bis 2015 hat sie an der Kunsthochschule der Universität Göteborg gelehrt. Seit 1984 lebt und arbeitet sie in Paris. Die Installation „Inseparable Angels“ entwickelte sie im Jahr 2000 für eine Präsentation im Pavillon des Limona-Gebäude in Weimar und wurde seitdem weltweit gezeigt.

* Das Interview fand auf Englisch statt und wurde anschließend ins Deutsche übersetzt.

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