Kateryna Mishchenko ist Verlegerin, Autorin und Kuratorin aus Kyjiw. Foto: Masha Pryven.

Vernichtungskrieg

Von Kateryna Mishchenko

In der ersten Morgendämmerung nach der Flucht aus Kyjiw hatte ich einen kurzen Traum. Im Himbeergarten von meinen Großeltern sah ich eine große olivgrüne Schlange. Augenblicklich stand sie vor mir und wollte angreifen. Ich habe ganz vorsichtig das Tor geöffnet und sie langsam auf die Dorfstraße herausgelockt. Dann war das Tor zu und ich allein.

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt

Diese Worte aus der ‚Todesfuge‘ gingen mir durch den Kopf, als ich aufwachte. Das Haus des Russlandmeisters ist irgendwo in einem anderen Universum, und ich habe kein Haus mehr. Er hat mich in meinem dornigen Himbeerversteck erwischt, ohne zu wissen, dass es mich überhaupt gibt. Ich habe Angst vor diesem kommenden Bösen und es hat keine Ängste, denn es gibt keinen Bezug zu mir. Ich bin nicht eines Bezuges wert, nur einer Vernichtung.

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland

Vernichtungskrieg ist ein deutsches Wort. Und es bezeichnet sehr genau, was sich in meinem Land heute abspielt und gleichzeitig: nachgespielt wird. Die älteren Einwohner der Dörfer ukrainischer Grenzgebiete, die einige Wochen von russischen Truppen besetzt wurden, nannten russische Soldaten Deutsche. Unsere Sprache der Kriegswahrnehmung ist die vom Zweiten Weltkrieg, die Sprache russischer Aggression anscheinend auch.

Ich muss an die Horrorgeschichten postsowjetischer Boulevard-Presse denken, dass Jugendliche Gestapo nachgespielt und dabei einen älteren, einsamen Veteranen oder obdachlosen Mann getötet hätten. Diese „Spiele“ schienen eine gemeinsame düstere Seite der traumatischen sowjetischen Geschichte zu sein, die Grausamkeit kleidete sich in unserer Region als Gestapo. Eine grausame Projektion. Nun holten russische Soldaten diese alten Kleider hervor, und den Ukrainer*innen wurde wieder die Rolle von Untermenschen zugeordnet.

Erst nach zwei Monaten des Krieges habe ich mir den zweiten Teil (der erste wurde am 21. Februar gesendet) der Rede dieses großen russischen Kriegsverbrechers angesehen. Die Rede als Vorspiel der ukraineweiten Bombardierungen in der Frühe des 24. Februars. Seine unendliche pseudohistorische Ansprache war sogar in ihrer Langweiligkeit gnadenlos und scheinbar sinnlos. Wenn die Gewalt in angeblichen Unsinn gekleidet ist, hat sie den Anspruch, unendlich zu sein, so wie die Macht des Verbrechers.

Für seinen Krieg gegen die Zeit sind ukrainische Leben wie dünne Sekundenzeiger, die sein Ende näherbringen können. Man müsste sich bloß vorstellen, dass sie als Menschen nicht existieren. Und dann diese Phantasie in die Realität hineinschieben. Der Krieg zwingt mich, egal, wo ich bin, mein Leben als etwas Unwichtiges zu denken, etwas Kleines und Überflüssiges. Manchmal vergesse ich, diesem Gefühl zu widerstehen, und werde von ihm unterworfen.

Nun weiß ich, vielleicht immer noch ungefähr, was das heißt, plötzlich untermenschlich zu werden. Der Hass gegen die Ukrainer*innen, der mich an der faschistischen Rede vom 21. Februar so erschrocken hat, ist wie eine klebrige Marke. Uns wäre unsere Sprache, unsere Territorien und überhaupt unsere Existenz geschenkt. So großzügig waren sowjetische Mächte, und ihre ressentimentalen Nachfolger möchten nun eine richtige „Dekommunisierung“ durchführen. Hinter diesem ganz frei gebrauchten Begriff steckt der Wunsch der Vernichtung.

Ich schreibe auf Deutsch. Ich weiß nicht, ob das eine Subversion in Bezug auf faschistische Anspielungen des russischen Krieges sein sollte. Oder ob ich mich in dem Bunker der deutschen Sprache verstecke und hier nach großen Antworten suche. Auf die Fragen: Was heißt denn heute „Nie wieder“? Wie soll eine antifaschistische Agenda des 21. Jahrhunderts aussehen? Was ist die Position der deutschen Enkel- und Urenkel-Generation in Bezug auf diesen Vernichtungskrieg? Und darf ich als ukrainische, vom russischen Regime zu einem Untermenschen erklärte Person, im deutschen Diskurs mitsprechen?

 

Kateryna Mishchenko ist Verlegerin, Autorin und Kuratorin aus Kyjiw, die zurzeit in Berlin wohnt. Sie studierte Deutsche Philologie an der Nationalen Linguistischen Universität Kyjiw, wo sie auch später kurz als Dozentin tätig war. Danach arbeitete sie als Übersetzerin, unter anderem von literarischen und kulturtheoretischen Texten, und war Mitbegründerin der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Gesellschaftskritik Prostory, seit 2014 ist sie Herausgeberin im unabhängigen Verlag Medusa. Sie kuratiert Veranstaltungen an der Schnittstelle von Kunst und Politik und schreibt Essays.