Lyonel Feininger auf seinem Fahrrad in der Gutenbergstraße Weimar, 1926, Foto: T. Lux Feininger, © The Estate of T. Lux Feininger, Repro: Art-Archives.net

„Je weiter ich kam desto schöner waren die Dörfer“

Als Lyonel Feininger das Weimarer Land mit seinem modernen Rennrad erkundete, hielt er seine Eindrücke in Skizzen und „Natur-Notizen“ fest. Ein Beitrag von Gloria Köpnick zum Start der Deutschland Tour in Weimar.

Erstmals hatte Lyonel Feininger das Weimarer Land 1906 bereist, um hier seine zukünftige Frau Julia Berg zu besuchen, die an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar studierte. Bereits dieser Aufenthalt hatte sich künstlerisch niedergeschlagen, erste Skizzen und sogenannte „Natur-Notizen“ waren entstanden. Die Motive und die Charakteristik des Weimarer Landes mit seinen uralten Dörfern und weiten Landschaften sollten den Künstler schließlich rund 50 Jahre seines Lebens beschäftigen, nicht nur in Zeichnungen und Druckgrafik, sondern er übersetzte das Gesehene auch in eindrucksvolle Gemälde.

Lyonel Feininger, Kirche von Gelmeroda, 23. August 1913, Klassik Stiftung Weimar, Dauerleihgabe bauhaus.weimar.moderne – die kunstfreunde e. V., © VG Bild-Kunst 2022

Zu den bekanntesten Motiven aus der Landschaft um Weimar gehören die Werke der Gelmeroda-Serie mit der Darstellung des markanten, gut wiedererkennbaren spitzen Kirchturms. Noch bis kurz vor seinem Tod nahm Feininger die Seh-Eindrücke des unmittelbar bei Weimar gelegenen Dorfes Gelmeroda und seiner Kirche zum gestalterischen Anlass. Die weiche, hügelige Landschaft mit den nah beieinanderliegenden historischen Dörfern war gerade für den gebürtigen New Yorker von besonderem malerischen Reiz. Seine Liebe für die Weite der Natur spiegelt sich indes nicht nur in den unzähligen Ansichten des Weimarer Landes wider, sondern auch in den Bildern einsamer Strände und der Weite des Meeres. Die Arbeiten bilden eine Art Gegenpol zu Feiningers Leben in den Metropolen von Berlin, Paris und New York.

Besonders das Radfahren ermöglichte es dem Künstler, den Radius seiner Entdeckungstouren auszudehnen und in kurzer Zeit weite Distanzen zurückzulegen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Rad an Popularität gewonnen und mit der Entwicklung von den umständlichen Hochrädern zu den bis heute sehr ähnlichen „Niederrädern“ war das Fahrrad spätestens in den 1920er Jahren ein Vehikel mit großer Verbreitung geworden. Auch in den Werken des Avantgarde-Künstlers Feininger lässt es sich entdecken, so ist es beispielsweise immer wieder Sujet in seinen um 1898 entstandenen Karikaturen für „Das Narrenrad. Album fröhlicher Radfahr-Bilder“. Die italienischen Futuristen ließen sich von der technischen Dynamik des Fahrrades faszinieren, wie in Umberto Boccionis „Dynamik eines Radfahrers“ (1913). Im selben Jahr machte Marcel Duchamp ein „Fahrrad-Rad“ (1913) zum Readymade und auch Arbeiten von Heinrich Campendonk, George Grosz, Karl Hubbuch und Ernst Ludwig Kirchner zeugen von der Faszination bildender Künstler für das moderne Verkehrsmittel und dessen Aufnahme in die Gestaltungswelten der Gegenwart.

Lyonel Feininger auf seinem Fahrrad, 1926, Foto: T. Lux Feininger, © The Estate of T. Lux Feininger, Repro: Art-Archives.net

Doch für die Künstler und Künstlergruppen der Moderne war das Rad nicht nur zum Motiv und Gestaltungsanlass, sondern auch zum zeitgemäßen Fortbewegungsmittel geworden. Nicht ohne Grund hatte der Architekt, Kunstpublizist und spätere Direktor der Weimarer Kunsthochschule Paul Schultze-Naumburg bereits 1896 in seinem Buch „Der Studiengang des modernen Malers – Ein Vademecum für Studierende“ das Fahrrad neben Palette, Farben, Pinsel, Staffelei und Leinwand als Teil der Grundausstattung des „modernen Malers“ empfohlen.[1] Diese Empfehlung findet sich in Fotografien und Erinnerungen belegt: Die von Gabriele Münter gemachten Aufnahmen von Wassily Kandinsky zeigen Feiningers späteren Bauhaus-Kollegen um 1903 bei einer Radtour mit seiner Münchner Malklasse Phalanx, mit der der russische Avantgardist das Alpenvorland erkundete.

Gabriele Münter, Kandinsky mit Fahrrad vor dem Gasthof „Zur roten Amsel“ in Kallmünz, Sommer 1903, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, © VG Bild-Kunst, 2022

Währenddessen erinnert sich Erich Heckel, Mitbegründer der Künstlergruppe Brücke, an ausgedehnte Fahrradtouren mit seinem Künstlerfreund Karl Schmidt-Rottluff an der Nordsee: „Wir hatten jeder ein Fahrrad, das uns dazu diente, die Landschaft im weiteren Umkreis zu studieren. Man konnte mit dem Fahrrad in einer Stunde ziemlich weite Entfernungen zurücklegen. Damals malten wir unmittelbar vor der Natur, und das wurde dadurch erleichtert, daß wir die Malutensilien auf dem Fahrrad transportieren konnten“, so der expressionistische Maler.[2] Ihren gestalterischen Durchbruch, der fortan von der Unmittelbarkeit der Übersetzung des Gesehenen in die Gestaltung dominiert werden sollte, hatten die Brücke-Maler Heckel und Schmidt-Rottluff im Oldenburger Land erlebt. Die entlegenen Landschaften und kleineren Dörfer zu erreichen, war – wie im Weimarer Land – mit Pferdefuhrwerk, Eisenbahn oder Automobil nur eingeschränkt möglich. Mit der selbstbestimmten Unabhängigkeit des Radfahrens und der damit ermöglichten Nähe zur Natur erweiterte sich der Radius der Künstlerinnen und Künstler erheblich. Feininger berichtet zum Beispiel von einer Tagestour von über 60 Kilometern: Im Zickzack von Ort zu Ort, „habe [ich] über zwanzig neue Ortschaften passiert. Im Ganzen war ich 68 Kilometer“ unterwegs.[3] Eine beeindruckende Distanz, wenn man sich die Beschaffenheit der Straßen und die technische Ausstattung der damaligen Räder vor Augen hält.

1913 erkundete der passionierte Radfahrer Feininger wieder einmal das Weimarer Land mit dem Rad. Der umfangreiche Briefwechsel mit seiner Frau bietet eine äußerst lebendige und detailreiche Schilderung seiner Ausflüge. In einem Brief an Julia berichtet er begeistert von einer ausgedehnten Tour Mitte April des Jahres:

„Heute war ein Tag! ohne Unterbrechung schön und sonnig. Ich fuhr auf meinem Rad um 9 los, nach den Dörfern hinter Ober Weimar, auf der Jenaer Chaussee, und schon das Losfahren, sich auf’s Rad setzen in der Kurthstrasse und lostreten, war schön. […] Dort liegen Taubach und Mellingen und dann weiter, Benshausen, Schwabhausen u.s.w. Je weiter ich kam desto schöner waren die Dörfer. Jedes hat eine Kirche, immer alt, immer charaktervoll […].“[4]

In den Landschaften und Dörfern der näheren und ferneren Umgebung fertigte Feininger spontane Skizzen direkt vor dem Motiv. Mit sicheren Strichen fing der erfahrene Zeichner das Gesehene in wenigen Augenblicken ein. Feininger selbst bezeichnete diese Arbeitsweise vor der Natur als „Natur-Notizen“, deren besondere Vorteile er in einem Brief beschreibt: „Ich halte nachgerade mehr von Notizen als von den fertigen Studien, wenigstens für die Wiedergabe eines Eindrucks den man später verarbeiten will. Die Studie gibt nie solche Anregung nachher […]  das Bild steckt in der Notiz […] es ist so notwendig das Gedächtnis zu üben […] anstandslos aufzuzeichnen, möglichst schnell und treffend“.[5]

Lyonel Feininger, Dröbsdorf, 19. Juni 1914, Bestand Museen, Klassik Stiftung Weimar, © VG Bild-Kunst, 2022

Noch Jahre später, zum Teil jahrzehntelang, dienten ihm diese Skizzen und Aufzeichnungen als Grundlage für die Gestaltung von daraus entstandenen Werken. Doch zunächst ging es um das Sammeln der Motive – ohne zu wissen, welches sich später für eine weitere Verwendung eignen würde: „so habe ich die Kirche von Kiliansroda im letzten Sonnenstrahl eines sterbenden Septembertages in mein Herz und Liebe aufgenommen. Ob’s je ein Bild geben wird, weiss ich nicht, aber den Antrieb zu vielen Bildern sicher! So recht mein Land! Ich blieb und zeichnete bis 6, und dann heidi!  nach Vollersroda und so, nach Weimar gesaust, die ziemlich 10 Kilometer lange Strasse habe ich bergauf, bergab, auf, ab‚ auf, ab in 1 1/4 Stunden bewältigt.“[6]

Erleben Sie Werke von Feininger im Bauhaus-Museum Weimar oder in der neuen Dauerausstellung Lyonel Feininger. Meister der Moderne in der Lyonel-Feininger Galerie in Quedlinburg.

Häufig notierte Feininger, der zuweilen in Begleitung unterwegs war, Tagesdaten und die Namen der Orte, sodass die Skizzen – auch in Verbindung mit den Briefen – zum Teil die Rekonstruktion der Route ermöglichen. Obwohl sich die bauliche Silhouette der meisten Ortschaften seit Feiningers Besuch natürlich verändert hat, lassen sich einige von ihm eingefangene, markante historische Gebäude bis heute identifizieren. Interessierte können sich auf markierten Radwanderwegen im Weimarer Land – ebenso wie an der Ostsee – auf Spurensuche begeben.

Während sich Feininger seit 1906 zunächst immer nur für eine kurze Zeit in Weimar aufgehalten hatte, siedelte er 1919 in die Herzstadt der Deutschen Klassik über: Hier hatte Walter Gropius das Staatliche Bauhaus Weimar gegründet und Feininger berufen, die künstlerische Leitung der Druckwerkstatt zu übernehmen. Für das im April 1919 erschienene Programm der neugegründeten Avantgarde-Hochschule hatte Feininger – inspiriert von den gotischen Kirchen in Deutschland – seine Vision einer neuen „Kathedrale“ als Titelholzschnitt geschaffen. In der „Graphischen Druckerei des Staatlichen Bauhauses“ setzte er in den folgenden Jahren zahlreiche seiner Skizzen aus dem Weimarer Land in Holzschnitte um: Auch die Dorfkirchen von Gelmeroda und Mellingen verwandelte er so von der Natur-Notiz seiner Erkundungstouren zu Signets einer neuen Zeit. In den Blättern des Jahres 1920 wird die Kirche des Dorfes eingebunden in eine kubofuturistische Komposition kristalliner Formen, und erneut finden sich ab 1919 Skizzen von Gelmeroda, Lehnstedt, Mellingen und Vollersroda in seinem Werk.

 

Dr. Gloria Köpnick ist Museumsdirektorin der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg. Von 2014 bis 2020 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg tätig. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sie die Geschichte der Oldenburger „Vereinigung für junge Kunst (1922–1933)“ untersucht. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen die Kunst der Klassischen Moderne, die Kulturgeschichte der Weimarer Republik und das Bauhaus. Freiberuflich ist sie als Autorin, Kritikerin und Dozentin tätig.

 

Fußnoten:

[1] Vgl. Kunstchronik. Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe, N.F. 8. Jg., H. 4 v. 12. November 1896, Spalte 54.

[2] Erich Heckel im Gespräch mit Roman Norbert Ketterer, zit. nach Roman Norbert Ketterer: Dialoge. Bildende Kunst. Kunsthandel, Stuttgart 1988, S. 53.

[3] Lyonel Feininger an Julia Berg, Brief v. 26. August 1913, Klassik Stiftung Weimar, 29/96.

[4] Lyonel Feininger an Julia Berg, Brief v. 15. April 1913, Klassik Stiftung Weimar, 5/72.

[5] Lyonel Feininger an Julia Berg, Brief v. 17. Januar 1906, Klassik Stiftung Weimar, 3/20.

[6] Lyonel Feininger an Julia Berg, Brief v. 13. September 1913, Klassik Stiftung Weimar, 34/101.