Lyonel Feininger, Titelblatt zu Manifest und Programm des Staatlichen Bauhaus, Ausschnitt, erste Auflage 1919 KSW, Graphische Sammlungen

Autokorrektur als Booster für kreative Fragestellungen

Programm und Manifest des Staatlichen Bauhauses Weimar

Von Ute Ackermann

Jedes Mal, wenn ich den Begriff „Bauhaus“ schreibe, läuft die Autokorrekturfunktion zur kreativen Höchstform auf. Sie verweigert in diesem Fall hartnäckig die Bereitschaft zu lernen. Ihr nun schon jahrelanges Beharren auf den alternativen Vorschlägen „Baumhaus“ und „Brauhaus“ bewog mich, auf die Suche zu gehen, was mir die KI-gesteuerte Kreativität meiner Rechenmaschine mitteilen möchte.

Bei der Beschäftigung mit der Programmschrift des Bauhauses, dem „Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses zu Weimar“, kam es dann zu einem glücklichen “Lichtmoment“, der hier jedoch nur als anekdotischer Mehrwert behandelt werden soll.

Mein Interesse galt ursprünglich der Frage, wie und ob die Gestaltung des 1919 erschienenen Bauhaus-Faltblattes seiner Funktion, den öffentlichen Auftritt der Schule zu begleiten und für sie zu werben, gerecht wurde. Sie führte mich schließlich zur einer interessanten typographischen Facette dieses frühen Bauhaus-Druckerzeugnisses.

Lyonel Feininger, Titelblatt zu Manifest und Programm des Staatlichen Bauhaus, erste Auflage 1919 KSW, Graphische Sammlungen

Ich fragte mich, wie das Flugblatt auf jemanden gewirkt haben mag, der noch nie etwas vom Bauhaus gehört hatte. Das dürfte bei seinem Erscheinen im Frühjahr 1919 der überwiegende Teil der möglichen Adressaten gewesen sein. Stellen wir uns also vor, Anfang Mai 1919 wird uns diese Werbeschrift in die Hand gegeben. Unsere Sehgewohnheiten sind durch Krieg, Novemberrevolution und Wahlkampfpropaganda durch Manifeste, Flugschriften und Wahlpropaganda verschiedenster Couleur an starke Bilder gewöhnt. Optisch sind wir nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Das Titelblatt konfrontiert uns zunächst mit einer ganzseitigen, kristallinen Darstellung einer Kathedrale. Was wird hier angeboten? Eine Titelzeile, die diese Frage erhellen könnte, fehlt.

Lyonel Feiningers Titelholzschnitt stehen wir also etwas ratlos gegenüber. Was heute schwer nachvollziehbar ist, da dieses Blatt inzwischen den Status einer Ikone einnimmt und zum kanonisierten Bildwissen gehört.

Feininger, der sich im Frühjahr 1919 in zahlreichen Arbeitsschritten mit dem Entwurf mühte, ging von der Darstellung einer Kirche vor Nachthimmel aus. Diesen ersten Entwurf betitelte er mit „Kathedrale“. In der Folge vergrößerte, verbreiterte und spiegelte er das Motiv, versuchte Titelzeilen einzubinden und entschied sich schließlich gemeinsam mit seinem Aufraggeber, Walter Gropius, für eine formatfüllende Version des Motivs. Dieses stand nun ganz für sich und ließ weder Raum für den Titel der Grafik noch für eine Überschrift des Flugblattes.

Festzuhalten ist: das Titelblatt des Bauhaus-Manifests und -Programms blieb als visuelle Um­set­zung seines Inhaltes rätselhaft. Die Wahl des Kirchenmotivs bot eine quasi­reli­giöse Lesart des Programms an, die missverständlich war. In einer Rede musste Gropius schließlich die Symbolik erläutern. Immerhin hatte das Bauhaus-Flugblatt Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht ging es ja überhaupt darum. Gropius erklärte geduldig und schrieb dann:

„Ein bekannter Handwerksmeister aus Weimar erzählte mir neulich, dass ver­schiedene Handwerksmeister sich zu meinem Programm zustimmend geäußert [haben], aber um das Titelblatt zu verstehen, reiche ihr Begriffsvermögen nicht aus. Und daraufhin haben nun manche offenbar sehr bizarre Vorstellungen da­von, wie so ein Wohnhaus von Walter Gropius aussehen mag. […]“[1]

Bis in die Gegenwart verführte die Mehrdeutigkeit des Feininger-Blattes Autor*innen zu unterschiedlich motivierten Titelvarianten, etwa „Kathedrale des Sozialismus“ oder „Kathedrale der Zukunft“. Diese kamen nicht selten durch Fehlinterpretationen von Äußerungen zur Bauhaus-Programmatik zustande und zeigen ideologisierte Interpretationen des frühen Bauhauses, insbesondere in der DDR, aber durchaus auch in der Nachwendezeit an.

Kehren wir in das Jahr 1919 zurück. Nehmen wir an, dass Feiningers Grafik unsere Neugier geweckt hat. Setzen wir uns mit der Tageszeitung und einer Tasse Kaffee auf unseren Balkon in der Westvorstadt und, nachdem wir über die Ereignisse des Tages hinlänglich informiert sind, wenden wir uns dem obskuren Vierseiter zu. Noch bevor wir mit dem Lesen beginnen, weckt die Gestaltung der drei Schriftseiten unser Interesse.

Manifest und Programm des Staatlichen Bauhaus, erste Auflage Inneres und äußeres Doppelblatt, Schriftart: Pabst Oldstyle, 31,5 x 39 cm, KSW, Graphische Sammlungen

 

Im Ganzen erscheint das Innenleben des Faltblattes unharmonisch. Das Doppelblatt beinhaltet auf der linken Seite einen Manifesttext. Da auch hier eine Überschrift fehlt, wird uns das aber erst beim Lesen bewusst. Wir erfahren, dass es um eine neuartige Auffassung der Künstlerausbildung geht. Auf den folgenden Seiten drei und vier konkretisiert sich die Idee in einem Lehrprogramm. Aus der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar soll ein sogenanntes „Bauhaus“ werden. Der Verfasser des Manifests erweist sich nicht nur als Prediger der Kunstschulreform, sondern auch als Direktor des neuen Instituts, wie wir auf Seite vier schließlich erfahren. Vielleicht erinnern wir uns an die kurze Meldung neulich in der Tageszeitung, welche die Übernahme des Direktorats vermeldete und den Namen des relativ unbekannten Berliner Architekten, Walter Gropius, erstmals nannte.

Weil nun die Maisonne so schön auf unseren Balkon scheint, wir ein wenig dem Müßiggang frönen möchten und darüber hinaus ein ästhetisches Interesse für Druckerzeugnisse hegen, kommt uns dieses Faltblatt gerade recht, um über Schrift und Gestaltung zu sinnieren. Wir stellen fest, dass die Texte fast wie mit einer Schreibmaschine geschrieben wirken. Der Manifesttext links scheint kompakt und feststehend, auch weil er wie ein klassischer Buchstabenteppich gesetzt wurde. Der Programmtext dagegen ist regel­recht in Bewegung, flattert an den Rändern und sperrt sich auf den Zeilen. Die Schrifttype ist ungewöhnlich und wirkt, als würde sie auf der Zeile holpern und stolpern.

Zurück im Hier und Heute, bei dem Versuch herauszufinden, welche Schriftdiesen Eindruck nun schon seit über hundert Jahren erweckt, kommt tatsächlich meine kreative Autokorrektur, mit ihrem Vorschlag „Brauhaus“ statt „Bauhaus“, wieder ins Spiel. Nach einigem Fragen und Suchen stellte ich schließlich fest, dass die erste Auflage von „Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses“ in der Schrifttype Pabst Oldstyle des US-amerikanischen Gestalters Frederic W. Goudy ge­setzt wurden. Diese Schrift entstand 1902 zunächst als reine Akzidenzschrift für die Werbung eines Brauhauses, der Pabst Brewing Company in Chicago. Zunächst enthielt sie also statt eines vollständigen Alphabets lediglich die für den Slogan benötigten Buchstaben und Zeichen. Goudy hatte mit dieser Schrift allerdings den Geschmack der Zeit ge­troffen und sie wurde fortan weiterentwickelt. Allerdings war sie als Fließtext nicht sehr gut lesbar und daher für den Satz von länge­ren Texten ungeeignet. Die Buchstaben weisen leichte, an Maschinen­schrift erinnernde Fehlstellen in den Rändern der Linien auf. Diese Unre­gelmäßigkeiten der Ausgangsschrift wurden mit sehr viel Aufwand handwerklich in das vollständige Alphabet übernommen und machen ihren besonderen Charme aus.

Obwohl die Pabst Oldstyle in einer etwas disziplinierteren deut­schen Belegung unter der Bezeichnung Ohio auf den deutschen Markt kam und seit 1912 von der Dresdner Gießerei Brüder Butter/Schriftguss AG Dresden geschnitten wurde, setzte man für die Bauhaus-Wer­beschrift die deutlich sperrigere amerikanische Vorversion ein. Das war äußerst mühsam, da an vielen Stellen improvisiert werden musste. So fanden doppelte Kommata als An- bzw. Ausführungszeichen Verwendung, das „ß“ musste anderen Schriften entnommen, diakritische Zeichen zur Erzeugung der im Englischen fehlenden Umlaute wurden von anderen Schriften einzeln abgefeilt und an die Kleinbuchstaben angesetzt. Notwendig war das nicht, denn die Ohio-Schrift war 1919 schon recht verbreitet.

Brüder Butter/Dresden (Hrsg.), Die Ohio-Schrift. Werbung um 1920

Warum sich die Bauhaus-Leute eine solche Mühe machten, bleibt weitestgehend Spekulation. Aber es ist davon auszugehen, dass sie diese bewusst auf sich nahmen. Wahrscheinlich ging es um die schon damals umkämpfte Ressource Aufmerksamkeit. Mit der Schrifttype Pabst Oldstyle griff man für „Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses“ auf eine burschikose, wenig elegante und deutlich unkünstlerische Schrift zurück und stellte einen starken Kontrast zu anderen Flugschriften dieser Zeit her. Zumindest das Programm wirkt wie ein brandaktuelles, maschinenschriftlich erzeugtes Flugblatt. Die Herstellung im Druckverfahren sicherte aber eine hohe Auflagenzahl mit wesentlich weniger Aufwand als eine maschinenschriftliche, mühsam vervielfältigte Version. So vereint die Herstellung als Buchdruck und der Blocksatz des Manifestes auf Seite zwei eine gewisse Solidität mit dem revolutionären Gestus des Programms auf Seite drei und vier. Ihre US-Amerikanische Her­kunft galt für die Schrifttype wohl in puncto Modernität als Bonus. Mit Blick nach Übersee hatte Gropius um 1919 notiert: „Neuer Aktivismus. Amerika am weitesten. Giebt [sic] am ent­schlossensten der neuen Welt ein Gepräge, das unbeschwert durch geschichtliche Ver­gangenheit, kühn und wahrhaftig erscheint“[2]. Kühnheit, Aktivismus und Entschlossenheit können als Schlüsselworte für die Bauhaus-Gründung gelesen werden. Gropius fand sie vielleicht auch durch die Pabst Oldstyle- Schrift verkörpert.

Die Verfasserin des Artikels, Dr. Ute Ackermann, ist Kustodin Bauhaus und Moderne (1919 – 1945) in der Direktion Museen, Abteilung Bauhaus, Moderne und Gegenwart.

 

[1] Walter Gropius Notizen 1918/1919. Zit. nach: Marcel Franciscono, Walter Gropius and the creation of the Bauhaus in Weimar, Urbana, Chicago, London (1971), S. 252.

[2] Gropius, Manuskript für eine Rede vor der Handwerkskammer, Frühjahr 1919. Zit. nach: Ebd., S. 260.

 

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