A. E. Stark: Christoph Martin Wieland. Feder in Schwarz, aquarelliert, 1806. KSW, Museen, KHz/01898

Wieland! Weltgeist in Weimar

Schriftsteller, Pädagoge, Hofdichter, Librettist und Publizist, Verfasser von Märchen, Übersetzer und Briefschreiber. Die neue Ausstellung im Goethe- und Schiller-Archiv beleuchtet Christoph Martin Wielands vielfältiges Leben und Werk.

Von Johannes Korngiebel

Christoph Martin Wieland kam 1772 als erster der großen Dichter und Denker nach Weimar. Das Wirken des Aufklärers, Schriftstellers und Übersetzers markiert den Beginn der Blüte Weimars als eines kulturellen Zentrums Deutschlands und Europas. Zum 250. Jahrestag seiner Ankunft in Weimar widmet das Goethe-und Schiller-Archiv Wieland eine Ausstellung, die die Vielschichtigkeit seines Räume und Zeiten umfassenden Geistes aufzeigt.

Das zentrale Objekt der Ausstellung ist die Rede, die der 79-jährige Wieland knapp drei Monate vor seinem Tod in der Weimarer Freimaurerloge „Anna Amalia zu den drei Rosen“ hielt. Unter dem Titel „Ueber das Fortleben im Andenken der Nachwelt“ beschäftigte er sich mit dem Thema der Unsterblichkeit. Was, so fragte Wieland, bleibt von einem Menschen nach dessen Tod? Für den Aufklärer stand fest: Von einem Fortleben, gar einer Auferstehung der Seele oder des Leibes, kann keine Rede sein. Der Mensch lebt nur in seinen Werken fort – dem, was er im Leben geschaffen hat und was die Nachwelt erinnert. Damit zog Wieland auch eine Summe seines eigenen Lebens und Wirkens. Davon ausgehend fragt die Ausstellung nach der Aktualität von Wielands Denken. Welche seiner Ideen sind für uns heute noch von Interesse?

C. M. Wieland: Ueber das Fortleben im Andenken der Nachwelt, Weimar 1812. KSW, HAAB, Wiel 630b (1-3)

Die das Mittelobjekt umgebenden Exponate beantworten diese Frage mit Blick auf je unterschiedliche Themen und führen dabei zugleich in Wielands Biographie ein. Wie kaum ein zweiter Denker um 1800 verstand er sich als Vermittler zwischen verschiedenen Kunst- und Wissensformen, Epochen und Kulturen. Das gilt nicht nur für seine zahlreichen Übersetzungen antiker und moderner Autoren, sondern auch für die lebenslange Auseinandersetzung mit der französischen, englischen, italienischen und spanischen Literatur. Als erster übersetzte Wieland 22 Dramen Shakespeares ins Deutsche und prägte dabei neue Worte wie „Spießbürger“, „Steckenpferd“ und „Gelegenheitshascher“. Darüber hinaus begriff sich Wieland als Vermittler antiken Denkens. Philosophie war für ihn keine theoretische Wissenschaft, sondern Heilkunst der Seele und Lebensweisheit.

Der Schriftsteller Wieland experimentierte mit verschiedenen Gattungen und Medien: Mit der „Geschichte des Agathon“ schrieb er bereits vor der Weimarer Zeit den ersten deutschen Bildungsroman. Mit „Alceste“ entstand 1773 einer der ersten Operntexte in deutscher Sprache. Als ambitionierter Pädagoge und Publizist bemühte sich Wieland um eine lebensnahe Vermittlung der Ziele der Aufklärung. Wie er diese ganz konkret umzusetzen versuchte, veranschaulicht etwa der Stundenplan der beiden Söhne von Herzogin Anna Amalia, Carl August und Constantin. Als Prinzenerzieher unterrichtete Wieland seit 1772 u. a. die Fächer „Moral-Philosophie“, „Philosophie der Historie“ und „Theorie der schönen Wissenschaften“. Dabei orientierte er sich an den liberalen, auf die Vervollkommnung von individuellen Anlagen zielenden Grundsätzen der englischen Aufklärungsphilosophie.

Stundenplan der Prinzen Carl August und Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach, Manuskript, 1772. LATh – HStA Weimar, Fürstenhaus A 73b, Bl. 224

Ob als Pädagoge, Hofdichter, Librettist oder Publizist, ob als Verfasser von Märchen, Übersetzer oder Briefschreiber – immer war Wieland vermittelnd tätig. Dabei veranschaulicht die Ausstellung anhand verschiedener eigenhändiger Konzepte und Werkmanuskripte auch Wielands Arbeits- und Schreibprozesse. So zeigt etwa das Manuskript zum großen Altersroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ Wielands zierliche, aber klare Handschrift. Die genauere Betrachtung erlaubt überdies Rückschlüsse auf Wielands Arbeitsweise: Der unermüdliche Textarbeiter skizzierte den ersten Entwurf nur grob, um dann in immer neuen Anläufen intensiv am Text zu feilen. Darüber hinaus ist Wielands „Aristipp“ auch inhaltlich von Interesse: Entstanden zwischen 1798 und 1802, entwickelt Wieland in dem Briefroman sein Ideal eines vorurteilsfreien, auf Gleichberechtigung basierenden Diskurses, der jedem Absolutheitsanspruch eine Absage erteilt und stattdessen auf Toleranz und Vielfalt setzt.

C. M. Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen. Eigenhändiges Konzept zum 25. Brief. KSW, GSA 93/11, Bl. 6 Rs.

Einen besonderen Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Gesamtausgabe von Wielands „Sämtlichen Werken“, die er ab 1794 mit dem Leipziger Verleger Georg Joachim Göschen realisierte. Das auf dem damaligen Buchmarkt einzigartige Großprojekt wurde als „Ausgabe letzter Hand“ angelegt, das heißt, Wieland überarbeitete seine Werke ein letztes Mal und gab ihnen jene Form, in der sie der Nachwelt überliefert werden sollten. Um dem damals weit verbreiteten unautorisierten Nachdruck entgegenzuwirken, erschienen die Bände in vier verschiedenen Fassungen, die sich in Format, Papier und Ausstattung unterschieden: Die „wohlfeile“ Ausgabe richtete sich an das Volk, die Klein- bzw. Großoktavausgabe an wohlhabendere Käuferschichten und die Prachtausgabe, die Wieland eigentlich ablehnte, an den vermögenden Adel. Mit den 45 Bänden, die zwischen 1794 und 1811 erschienen, ist die Ausgabe die bis heute umfangreichste, die einem deutschen Dichter zu Lebzeiten gewidmet wurde.

Jeweils ein Band der vier verschiedenen Formate von C. M. Wielands Sämtlichen Werken. Erschienen bei Göschen in Leipzig 1794 ff. KSW, HAAB

Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung wichtige Etappen und Stationen von Wielands Biographie, etwa seine jahrzehntelange Sehnsucht nach einem idyllischen Leben auf dem Land und die keineswegs einfache Lebenswirklichkeit als Familienvater und Gutsherr in Oßmannstedt. Neben seinem letzten großen Werk, der Übersetzung sämtlicher überlieferter Briefe des römischen Politikers und Philosophen Cicero ins Deutsche, wird auch das Ritterkreuz der Französischen Ehrenlegion präsentiert, das Wieland als Anerkennung seiner Verdienste im Oktober 1808 von Napoleon I. erhielt. Ein besonderes Highlight, ein bisher noch niemals gezeigtes Objekt, das mit Wielands Wirken als Freimaurer im Zusammenhang steht, erwartet die Besucher*innen am Ende der Ausstellung.

Links: Ritterkreuz der Französischen Ehrenlegion für C. M. Wieland. Silber, Messing, Emaille, Seide, vor 1808. KSW, Museen, KFa/00012.1 | Rechts: Nach H. V. F. Schnorr von Carolsfeld: Begegnung Wielands und Napoleons I. im Oktober 1808. Kolorierte Radierung, 1809. KSW, Museen, KGr/02549

Die Ausstellung, die im Rahmen eines Kooperationsprojekts des Goethe- und Schiller-Archivs mit Studierenden der Universität Heidelberg erarbeitet wurde, zeigt wertvolle Handschriften, Bücher, Grafiken und Gebrauchsgegenstände aus den Weimarer Beständen. Um die Pluralität und Dynamik von Wielands Denken zu veranschaulichen, geht sie auch gestalterisch neue Wege. Im historischen Ausstellungssaal des Goethe- und Schiller-Archivs erwarten die Besucher*innen neben verschiedenen Installationen u. a. eine Hörstation und ein Film, in dem Kinder einer Weimarer Grundschule „Wielands Worte“ erklären. Ein Begleitheft zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Ausstellung, eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Wieland als multimedialer Vermittler“ und mehrere Kuratorenführungen runden das Ausstellungsangebot ab.

 

Wieland! Weltgeist in Weimar

6.5. bis 14.8.2022, Goethe- und Schiller-Archiv
Mo.–Fr.: 9–18 Uhr. Feiertag/Sa.–So.: 11–16 Uhr, Eintritt frei
Kuratorenführungen: 15.6., 13.7. und 10.8.2022, jeweils um 14 Uhr

 

Der Verfasser des Textes, Johannes Korngiebel, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Goethe- und Schiller-Archivs im Projekt: PROPYLÄEN. Forschungsplattform zu Goethes Biographica. Teilprojekt: Goethes Tagebücher und Kurator der Ausstellung „Wieland! Weltgeist in Weimar“.

 

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