Karl Woltreck, Ottilie von Goethe, vergoldetes Bronzemedaillon, 1838, Museen, Klassik Stiftung Weimar

Ottilie von Goethe und die englischsprachige Welt

Von Waltraud Maierhofer

Autorin, Übersetzerin und literarische Agentin. Prof. Waltraud Maierhofer beleuchtet Ottilie von Goethes weitgehend unbekannte, aber wichtige Rolle für den deutsch-englischen Kulturtransfer

Die Weimarer Ausstellung „Mut zum Chaos“ zeigt Ottilie von Goethe weniger in ihrem Wirken als Schwiegertochter Goethes, sondern mit ihrem eigenen geistigen Lebenswerk. Darin ragen neben ihrem eigenen Schreiben und ihrer Herausgeberschaft der mehrsprachigen Zeitschrift „Chaos“ ihre Tätigkeit als Übersetzerin und „literarische Agentin“ der Werke Goethes und darüber hinaus der deutschen zeitgenössischen Literatur im Allgemeinen hervor.

Laut Ottilies Korrespondenz litt sie darunter, als Frau in ihrem öffentlichen Wirken begrenzt zu sein. Zur Zeit der Romantik war die vorherrschende Meinung, Frauen seien besonders zur Pflege von Geselligkeit und Freundschaftszirkeln sowie brieflicher Kontakte bestimmt. Lange Zeit haben Biographien Ottilies Freundschaften und (unglückliche) Liebesgeschichten betont. Fast immer waren diese jedoch entweder mit Anregungen zu Übersetzungen oder Teilnahme daran verbunden oder mit der Einführung ihr wichtiger Werke.

Übersetzung als gemeinschaftliche Arbeit

Da war etwa der irische Adlige Charles Des Voeux (1802–1833), der nach Weimar kam, um Deutsch zu lernen. Gemeinsam übersetzten sie Goethes „Tasso“, aber der junge Jurist, zuletzt bei der britischen Botschaft in Brüssel beschäftigt, verstarb. Ottilie stellte die Ausgabe fertig und publizierte sie schließlich in Weimar.

Johann Joseph Schmeller, Charles des Voeux, Museen, Zeichnung, Klassik Stiftung Weimar

Bei der Untersuchung der Entstehungsgeschichte einiger Übersetzungen, darunter der „Faust“ des Engländers Abraham Hayward (1801–1884), zeigt sich eine bemerkenswerte Praxis: Er finanzierte einen ersten Druck, den er an seinen deutschen und englischen Freundeskreis verteilen ließ, mit der Bitte um Kommentare und Verbesserungen, die er dann in den zweiten Druck aufnahm. Er reiste sogar nach Weimar, um sich mit den dortigen intellektuellen Kreisen auszutauschen. Übersetzung ist hier nicht Produkt eines Einzelnen, sondern entsteht in Austausch und Zusammenarbeit, wie sie heute Workshops für Übersetzung praktizieren. Bewunderung und Respekt für Ottilie drückte er nicht nur in einem Widmungsexemplar aus, sondern auch in einer Erläuterung zu Übersetzungen von „Gretchen am Spinnrad“.

Abraham Hayward, Faust (London 1834) mit einer eigenhändigen Widmung an Ottilie von Goethe, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Klassik Stiftung Weimar

Für Ottilies Bedeutung als Vermittlerin deutscher Literatur im englischsprachigen Raum sind vor allem die beiden Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen Anna Jameson und Sarah Austin wichtig. Im Austausch mit beiden thematisiert sie am deutlichsten die Emanzipation der Frauen und ihr eigenes öffentliches Wirken als Anliegen.

Die Irin Anna Jameson (geb. Brownell, 1794–1860) übersetzte Komödien von Prinzessin Amalia von Sachsen (1794–1870), die auch unter dem Pseudonym Amalie Heiter schrieb. (A. Jameson: „Social Life in Germany, illustrated in the acted Dramas of Her Royal Highness The Princess Amelia [sic] of Saxony”. London 1840). Die Dramen wurden zu ihren Lebzeiten häufig gespielt, sind aber heute praktisch vergessen. Die Anregung dazu stammte von Ottilie, nachzulesen in ihrem Aufsatz „Die Stücke der Prinzessin Amalie von Sachsen” aus dem Jahr 1836. Jameson pries die Komödien in ihrer Einleitung dem englischen Lesepublikum an als realistische Bilder aus der deutschen Gesellschaft, die dem englischen Geschmack besser entsprächen als anerkannte Werke.

Anna Jameson, Lithographie, Museen, Klassik Stiftung Weimar

Ab Herbst 1836 hielt sich Jameson zehn Monate lang in Kanada auf, wo ihr Ehemann in Toronto ein wichtiges Amt übernommen hatte. Ihre Rolle war es, sein gesellschaftliches Ansehen und damit seine Stellung in der höchsten Position im Gerichtswesen der Provinz Oberes Kanada zu sichern, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon Jahre getrennt gelebt hatten. In der Form eines Brieftagebuchs berichtet sie über diese Zeit, ihre Lesetätigkeit während des langen Winters und ihre Reisen in den anschließenden warmen Monaten und veröffentlichte es in London: „Winter Studies and Summer Rambles in Canada” (3 Bde. London 1838; deutsche Fassung: „Winterstudien und Sommerstreifereien in Canada”. 2 Bde. Braunschweig 1839). In ihrer Einführung richtete Jameson sich ausdrücklich an ein weibliches Publikum. Mit Bezug auf Ottilie und die Bekanntheit von Goethe bei englischsprachigen Leserinnen ist dieses Werk einzigartig: Die Winterepisoden enthalten Kritiken und Teil-Übersetzungen von Jamesons deutscher Lektüre, vornehmlich Dramen Goethes und Johann Peter Eckermanns „Gespräche mit Goethe“ (1836), wovon Ottilie ihr ein Vorabexemplar und ihre Rezension geschickt hatte.

Die englische Schriftstellerin Sarah Austin, geb. Taylor (1793–1867), gilt als die englische „Königin der Übersetzer“ ihrer Zeit und ist für den deutsch-britischen Kulturaustausch besonders wichtig. Ihre Übersetzung von Goethes Gesprächen mit Johann Daniel Falk, Kanzler Friedrich von Müller und anderen unter dem Titel „Characteristics of Goethe“ (3 Bde., 1833) ist in schwärmerischem Ton gehalten. Nachdem Ottilie ein Exemplar mit einer herzlichen Widmung erhalten hatte, nahm sie brieflich Kontakt zu Austin auf und schlug ihr vor, die „Wahlverwandtschaften“ und „Egmont“ zu übersetzen. Austin machte wichtige deutsche Werke in England bekannt, darunter Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihl“, „Hymnen an die Nacht“ von Novalis, aber auch Leopold von Rankes Darstellung der Reformation („History of the Reformation in Germany“, 1844). Ottilie setzte sich nicht nur für Goethes Werke ein. In einem Brief aus dem Jahr 1840 bittet Ottilie die Übersetzerin um Richtigstellung von Vorurteilen im Ausland über die politisch kritische Literatengruppe „Junges Deutschland“. Sie äußert sich resigniert über die Unmöglichkeit eigener öffentlicher Wirksamkeit als Frau, nachdem ihre eigenen literarischen Unternehmen auf wenig Interesse gestoßen waren:

„Von jedem öffentlichen Wirken in Deutschland ausgeschloßen, bleibt uns Frauen nur die Kraft des Urtheils und die Wahrheitsliebe mit der wir nicht einzuschüchtern sind es auszusprechen und zu zeigen, wo es auch in direkter Opposition mit dem steht, was man uns als Meinung aufzwingen will. Laßen Sie mich glauben, das Sie […] darin einen Tribut wahrer Achtung sehen.”

Barett für Ottilie von Goethe, Museen, Klassik Stiftung Weimar

Die Post zwischen Weimar und der englischsprachigen Welt transportierte nicht nur Briefe, Manuskripte und Bücher. Im März 1830 traf ein Geschenk von Jane Carlyle, der Ehefrau des Historikers und Übersetzer Thomas Carlyle, für Ottilie von Goethe ein. Es handelte sich um ein Barett aus dunkelblauem Samt mit Schottenkaro aus Seide. Begleitet von einem einstrophigen Gedicht in der Handschrift von Jane Carlyle, aber vermutlich von Thomas Carlyle verfasst. In dem Gedicht heißt es:

„Scotland prides her in the ”Bonnet Blue”, / That it brooks no stain in Love or War: / Be it, on Ottilie’s head, a token true / Of my Scottisch Love to Kind Weimar”

Die ‚Blaue Kappe‘ möge Ottilies Kopf schmücken als Andenken an die „schottische Liebe“ der bzw. des Gebenden zum „freundlichen Weimar“. Ein wunderschönes Zeichen der Verbindung zwischen Weimar und der englischen Welt.