Foto: Patrick Will

Kunst widerspricht

An-Sprechen, Für-Sich-Sprechen, Zur-Sprache-Bringen. NEUSPRÉCH sorgt für Unruhe und lässt die Widersprüchlichkeit der Kunst mit sich selbst zu. Die Kuratoren Oliver Ross und Simon Starke über ihre Sonderausstellung im Schiller-Museum zum Themenjahr „Sprache“.

April 2022: NEUSPRÉCH ist gelandet, in Weimar, im Schiller-Museum. Auf dem geliehenen Transporter ist ein Werbebild platziert, das einen Drachen zeigt, der heftig Feuer spuckt: es ist mit Sicherheit das plakativste Bild, das wir in diese Stadt bringen.
Derart trivial-mythologisch beschützt, sind wir im musealen Kleinod mit den historisch bedeutenden Wohnhäusern und den vielen Gralshütern angekommen. Wir, zwei Künstler aus Hamburg, bringen ein kleinteiliges, sehr verschieden verpacktes Konvolut an bescheidenen Einzelteilen, aus denen wir eine umfassende Ausstellung zusammenfügen werden. Ein nach-moderner Kunst-Bausatz, sozusagen.

 

Foto: Simon Starke

 

Zum Themenjahr „Sprache“ in Weimar! Neben Wieland, Goethe und grafischen Sprengungen jetzt also NEUSPRÉCH als Vertreterin von Gegenwartskunst? Für das umfangreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt kaum besser anzutreffen. Denn in der Nähe zum literarischen Umfeld von Weimar gewinnt das Kunst-Sprech-Unternehmen an Konturen, spielt seine künstlerische Herkunft aus, gerät in Widerspruch (das kann es im reinen Kunstkontext nicht). Kunst widerspricht, lautet konsequenterweise der Untertitel. Widerspruch also nicht, weil drastische politische Verhältnisse es verlangen. Vielmehr um seiner selbst willen, um Kunst einerseits abzugrenzen vom informativen Sprechen und andererseits vom bloß Poetischen, von der Dichtkunst.

 

Foto: Simon Starke

 

Weimar ist schön, vor allem bei sonnigem Wetter; vielerorts bilden sich dann Schüler- und Touristentrauben, die sich mehr oder weniger freiwillig dem kulturellen (Über-)Angebot ausgeliefert sehen und auch etwas über den „Führer“ hören, der damals hier vom Balkon des Hotels Elephant zu „seinem“ Volk sprach. Die Standbilder der Literaten im Städtchen sind gut verteilt, betonen angemessen Orte und Plätze: Goethe und Schiller stehen freundschaftlich vereint vor dem Deutschen Nationaltheater, Herder markiert verheißungsvoll „seine“ Kirche mit dem Cranach-Altar, Wieland hat es an der viel befahrenen Straßenkurve etwas schwerer damit, altehrwürdig zu wirken, behauptet sich aber trotzdem gut und blickt immerhin auf den Frauenplan. Er wirkt ein wenig so, als hielte er ein Smartphone in der rechten Hand. Zum Nietzsche-Archiv mit seinem van der Velde-Portikus und Innenleben gelangt man bergauf, was gut zur Figur des Philosophen passt, noch besser jedoch zu seiner aufstiegsbewussten Schwester, die seine Umnachtung gesellschaftsfähig zu nutzen wusste. Liszt spielt hier auch eine gehörige Rolle, und natürlich das in Weimar gegründete Bauhaus, als eine Art Fortführung dessen, was bereits der „Gesamtkunstwerkler“ Henry van der Velde begonnen hatte. Da ist es eigentlich naheliegend, dass sich zu dieser niveauvollen Besetzung des Weimarer Kultur-Bodens eine Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst ins Verhältnis setzt – oder nicht?

 

Foto: Simon Starke

 

Es galt, eine Einteilung zu (er)finden, die dem räumlichen Gefüge Halt und erzählerische Abfolge verleiht. So gerieten wir an die Idee des Hegel‘schen Dreiklangs von These – Antithese – Synthese. Der Dreiklang entsprach nicht nur den räumlichen Abstufungen des Museums, sondern förderte auch drei unterschiedliche Züge von NEUSPRÉCH zutage: ein offensiveres An-Sprechen, ein introvertierteres Für-Sich-Sprechen und das herumwirbelnde Zur-Sprache-Bringen. Alles an NEUSPRÉCH spricht, sämtliche Materialien, Zeigestrategien und Schreibweisen spielen eine Rolle, um Flüstern und Maulen, Belehren und Scherzen, Schweigen und Brüllen in Szene zu setzen. Nicht der teure Aufwand macht hier die Musik, sondern Ambitionen, Sprache in Kunstarbeiten einzulassen und darin rumoren zu lassen. Ein anspruchsvolles und in Teilen riskantes Unternehmen, für Kunstschaffende wie für Betrachtende. Dem einen mag das ästhetisch dürftig erscheinen, dem nächsten verworren, unverständlich sehr vielen. Doch alles spielt sich vor einem heiteren lindgrünen Anstrich ab, mit dem wir den Anstrich einiger Wände von Schillers Wohnhaus in die Ausstellung übertrugen. Überall hängen, den entsprechenden Bereichen zugeordnet, Kästen mit sorgsam verfassten Saalzetteln, und wer Zeit mitbringt, sich dem Parcours zu überlassen, kann erschlendern, was sich dem denkenden Zugriff vielleicht entzieht. Dabei spielt Humor eine nicht unwesentliche Rolle. Die vielen ausgiebigen Führungen und Gespräche um die Arbeiten herum förderten plötzlich jede Menge neuer Erkenntnisse zutage, sozusagen beim Reden aufgestöbert.

Ein Beispiel: Uns ist dabei klar geworden, wie wir die Zusammenstellung und Abfolge der Ausstellung intuitiv bewerkstelligt hatten. Die Sprache, das Reden zu den Positionen zeigte uns und dem Publikum, dass wir eine Ordnung der Nachbarschaften verschiedener künstlerischer Qualitäten, von uns auch Tonarten genannt, eingerichtet hatten. Das bringt an der einen Stelle Ergänzungen, an einer anderen Kontraste mit sich; insgesamt wurde so intuitiv eine Situation der gegenseitigen Bereicherung geschaffen.

 

Foto: Hannes Bertram, © Klassik Stiftung Weimar

 

Auch wenn die Standbilder und Häuser meist so perfekt im Stadtbild stehen: Weimars Geschichte muss aus einer Perspektive der Widersprüche geschrieben werden. Der Titel unserer Ausstellung lässt dies anklingen, auch wenn er eigentlich ein Widersprechen der Kunst und gleichzeitig eine Widersprüchlichkeit in der Kunst meint. In Bezug auf die historischen Verwerfungen, die neben den geistigen Neuerungen in Weimar stattfanden, war es uns wichtig, diese Widersprüchlichkeit der Kunst mit sich selbst zuzulassen: Sprache dient in dieser Ausstellung nicht der Erklärung von Kunst, sondern sorgt vielmehr für Unruhe in den vorgestellten Werken: Es wird also eine Kunst in Formen gezeigt, die sich nicht in kulturelle Bezüge einbetten, um diese zu bestätigen; eine derartige Kunst als Kulturarbeit würde Identität stiften, die nichts Befremdliches, Unverständliches mehr zuließe. Kunst heute ist aber nicht mehr selbstverständlich (war Kunst das überhaupt jemals?). Daher ist Weimar mit all seinen gepflegten Gedenkstätten und historischen Artefakten ein hervorragendes Umfeld für die Umsetzung einer derartig brüchigen Kunst-Schau. Im Gästebuch, das im Museum ausliegt, wird dies durch einige kritische Beschwerden belegt. Ein Beispiel vom 28. Mai 2022:

„Diese ‚neuen‘ Ausstellungen à la ‚Neusprech‘ brauchen wir nicht! Unsere Medien sind voll davon; voll von Verdrehungen, Auslassungen, Halbwahrheiten. ‚Es liebt der Gemeine, das Edle in den Dreck zu ziehen!‘ von Goethe. Kehren Sie zurück zu Goethe und Schiller, von denen wir unendlich viel lernen können und sollten, was FREIHEIT bedeutet! …“

Wir nehmen diese Kritik ernst, denn sie trifft teilweise das, was uns am Herzen liegt. Jedoch haben wir aus dieser von der erzürnten Besucherin geschilderten Sachlage andere Konsequenzen gezogen; als in unseren Werkversuchen selbst Betroffene stellen wir fest, dass diese Rückkehr schlicht und ergreifend nicht möglich ist – denn da widerspricht sich einiges, nicht erst seit Buchenwald. Was aber geht, ist ein historisches Ins-Verhältnis-Setzen aktueller Kunst zu den wertgeschätzten Künstlern der Vergangenheit, und das tun wir.

 

Foto: Simon Starke

 

Von der Erarbeitung eines stimmigen Budgets bis zum Einschlagen der Nägel, von der Formulierung der Texte bis zum Transport der Arbeiten, von der Planung der Platzierungen bis zu Video-Konferenzen über Abstimmungsfragen, von Absprachen mit Künstler*innen bis zur grafischen Gestaltung der Saalzettel, von der Erstellung langer Bedarfslisten bis zur Planung von Einzelveranstaltungen reichte der Komplex zu bewältigender Tätigkeiten. Die Vorlaufzeit von nicht mal einem halben Jahr war knapp, in Ansätzen bahnte sich dennoch ein Zusammenspiel mit Häusern der Klassik Stiftung Weimar an. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek zauberte eine kleine Sammlung von Buchattrappen aus dem Hut sowie einen großen Bestand an Ausgaben des Romans „1984“ von George Orwell, prominent platziert in der Vitrine am Eingang. Eine gebundene Ausgabe der Zeitschrift „Die Horen“ entstammt ebenfalls der Bibliothek, Originale aus Privatbesitz gemischt mit täuschend echten Faksimiles illustrieren die im 19. Jahrhundert anschwellende Schillerverehrung, und alte Postkarten unterstreichen eine Theatervernarrtheit in die Klassiker. Über allem wacht Schiller mit schauerlichem Blick in einer Radierung von Karl Bauer. Der „Bibliothekssaal“ (siehe Bild unten) ist zum Kraftzentrum der Ausstellung geworden, intensives Wechselspiel zwischen historischen Exponaten und gegenwärtigen Kunstarbeitsformen.

 

Foto: Oliver Ross

 

Der wirklich riesige Apparat der Klassik Stiftung Weimar (man sehe sich allein die Veranstaltungsliste der Website an) birgt anerkanntermaßen jede Menge Schätze und Baustellen. Dass da nicht an jeder Stelle das gleiche Quantum an Aufmerksamkeit zu erwarten ist, erschließt sich von selbst.

NEUSPRÉCH hat seine ganz eigene Parklücke (sein Parkglück) dazwischen gefunden, wichtig für solche, die jenseits der touristischen Wanderrouten nach Besonderem suchen. Und gewiss ein entscheidender Neubeginn (siehe FAZ vom 28. Mai, online zwei Tage später erschienen), um sich jetzt auch Kunstfragen eingehender zu widmen (eigentlich nicht anders als das schon zu Schillers Zeiten, der Weimarer Malschule, unter van der Velde oder dem Bauhaus Praxis war). Es muss ja nicht gleich ein neuer bürgerlicher Weltentwurf dabei herausspringen. Allein die permanente Auseinandersetzung mit dem, was durch Kunst an Welthaltigkeit aufkommt, bereichert, verschiebt, öffnet und lockert das Urteilsvermögen. Kunst ist ein anderes Sprechen, oder das Sprechen von etwas Anderem.

 

Foto: Hannes Bertram, © Klassik Stiftung Weimar

 

Die Ausstellung NEUSPRÉCH: Kunst widerspricht im Schiller-Museum Weimar wurde bis zum 25. September verlängert.

Simon Starke ist freier Künstler, lebt und arbeitet in Hamburg, Staatsexamen für Realschule in Heidelberg, Kunststudium an der HfbK Hamburg. Arbeitsschwerpunkt ist das Ausstellen zwischen räumlichem Geschehen, Denkbewegung und plastischen Dingen, strategische Settings mit oft humorvollem Unterton.

Oliver Ross ist freier Künstler. Er hat an der HfbK Hamburg studiert und bereits zahlreiche Ausstellungen kuratiert. Einzelausstellungen von Ross tragen Titel wie INNENWELTHYPOTHESE, INNERE ENTROPIE, MEIN HIRN WILL ES SO oder TRANSLUMINUS.