Bildtafel "Homer singt dem lauschenden Volk" | Zustand nach der Restaurierung; Temperafarben auf Gips, 21,5 × 42 × 2,3 cm, © Klassik Stiftung Weimar

Konzept oder Kopie – Bilder für die Dichterzimmer

Eine Intervention.

von Katharina Krügel

Aktuell sind die Dichterzimmer das einzige Raumensemble, das im Weimarer Residenzschloss besichtigt werden kann. Seit diesem Jahr ist auch das Herderzimmer in den Rundgang einbezogen. Anlass ist die dort seit Mai dieses Jahres gezeigte Intervention zu drei neuerworbenen Bildtafeln. Zusätzlich vermittelt seit Juli eine Online-Präsentation Wissenswertes rund um die Geschichte der Objekte.

Bildtafel “Homer singt dem lauschenden Volk” | Zustand vor der Restaurierung; Temperafarben auf Gips, 21,5 × 42 × 2,3 cm © Klassik Stiftung Weimar | Wandgemälde im Herderzimmer “Homer singt dem lauschenden Volk”, Foto: Claus Bach, 2017 © Klassik Stiftung Weimar

Im Juni 2019 erwarb die Weimarer Kunstgesellschaft mit Unterstützung der Fielmann AG aus dem Kunsthandel drei ungewöhnliche Objekte – gerahmte Bildtafeln mit Malereien auf Gipsplatte – für die Museen der Klassik Stiftung Weimar. Der Ankauf ist für Weimar so bedeutsam, weil es sich um bisher unbekannte Malereien handelt, die in verkleinerter Form, nahezu identisch, Wandgemälde aus dem Herderzimmer wiedergeben. Auch hinsichtlich der künstlerischen Handschrift stehen sie diesen nahe. Dieser Bezug war dem Auktionshaus nicht bekannt. Dort hatte man die Objekte als Freskenentwürfe aus dem Schülerkreis von Peter von Cornelius deklariert.

Bildtafel “Der Cid, die huldigenden Mauren an den König weisend” | Zustand vor der Restaurierung; Temperafarben auf Gips, 23,7 × 45,3 × 2,3 cm; © Klassik Stiftung Weimar | Wandgemälde im Herderzimmer “Der Cid, die huldigenden Mauren an den König weisend”, Foto: Claus Bach, 2017 © Klassik Stiftung Weimar

Das Herderzimmer nimmt im Ensemble der Dichterzimmer in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein, so wurden hier im Unterschied zu den übrigen Memorialräumen die Wandmalereien in Form eines Bilderfrieses gestaltet.  Außerdem tragen die Darstellungen stark allegorischen Charakter, was das Verständnis schon für Zeitgenossen erschwerte. Der Bilderfries stammt, wie es die Forschungen Christian Hechts belegen, von dem wenig bekannten Historienmaler Gustav Jäger. Er war ein Schüler des Münchner Akademiedirektors, Julius Schnorr von Carolsfeld und hatte unter dessen Leitung an der Ausgestaltung der Nibelungensäle der Münchner Residenz mitgearbeitet.

Bildtafel “Gleichnis vom barmherzigen Samariter” | Zustand vor der Restaurierung; Temperafarben auf Gips, 25,7 × 43,6 × 2,0 cm; © Klassik Stiftung Weimar | Wandgemälde im Herderzimmer “Gleichnis vom barmherzigen Samariter”, Foto: Claus Bach, 2017 © Klassik Stiftung Weimar

Bei Ankunft der Bildtafeln in der Klassik Stiftung war ihr Zustand schadhaft:  Bruchstellen, Abplatzungen und eine desolate Rahmung beeinträchtigten die Wahrnehmung. Bemerkenswerterweise sind jedoch alle drei Tafeln mit vergoldeten Silberleisten gerahmt, was als ein Hinweis auf eine einstige besondere Wertschätzung zu deuten ist. Dies wirft zugleich eine Reihe von Fragen – wie die nach der Bedeutung, nach dem Künstler, nach dem Entstehungskontext und der Entstehungszeit – auf. Vor diesem Hintergrund beschlossen die Museen, sich intensiver mit den Bildtafeln zu beschäftigen.

Die kunsthistorischen Recherchen führten in Archive und Museen. Die überlieferten Korrespondenzen und Berichte sowie der Vertrag mit dem Künstler offenbarten, dass Jäger jeden Arbeitsschritt zu Fragen der Komposition und der Farbigkeit mit der Auftraggeberin – Maria Pawlowna – abzustimmen hatte, indem er Skizzen und Entwürfe einreichte. Handelt es sich bei den Bildtafeln also um die eingangs vermuteten Freskoentwürfe für die Wandmalereien? Ein eindeutiger Beleg dafür ließ sich allerdings nicht finden.

Auch die kunsttechnologischen Untersuchungen, die im Vorfeld der Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten erfolgten, lassen Zweifel aufkommen. Die ermittelten Daten wurden von einem Team – Anne Levin, Anja Romanowski, Carsten Wintermann und in Zusammenarbeit mit dem Labor für Archäometrie der HfBK Dresden – analysiert, ausgewertet und schließlich mit denen der Wandgemälden abgeglichen. Dabei konnte festgestellt werden, dass sowohl bei der Arbeitsweise als auch bei den verwendeten Pigmenten und Bindemitteln durchaus Parallelen, aber eben auch Unterschiede z. B. in der Grundierung und im Schichtenaufbau bestehen. Die unterschiedliche Leuchtkraft der Gemälde allerdings resultiert aus den verschiedenen Trägermaterialien Gips und Kalk.

Die Intervention besteht aus zwei Teilen. Zum einen werden in einer Vitrine im Herderzimmer die restaurierten, originalen Bildtafeln und faksimilierte Zeichnungen, die den aufwendigen Werkprozess für Fresken veranschaulichen, gezeigt. Zum anderen bietet eine eigens dafür entwickelte Webseite mehr Informationen, Bilder und Filme zu den kunsthistorischen Recherchen und zu den umfangreichen Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten. Sie entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Team des Ausstellungsbüros und dem Gestalterbüro Yulia Wagner & Hans-Jakob Gohr. Grundlage für die Gestaltung der Website war ein Vermittlungsansatz, der die Nutzer*innen als Mitwirkende einbezieht. Den Rahmen dafür bildete die Diskussion der Frage nach der Bedeutung der Bildtafeln anhand dreier Thesen.

Lesen Sie mehr auf unserer Website: herderzimmer.klassik-stiftung.de

Katharina Krügel ist an den Museen der Klassik Stiftung Weimar als Kustodin für die Kunst  und Kultur der Goethe-Zeit und der Nachklassik tätig.