Goethe mit Druckminenbleistift, Kupferstich von Carl August Schwerdgeburth (1832) ©Klassik Stiftung Weimar

Goethe und die „reliure mobile“

von Frank Sellinat
aus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Schwämme, Kunstblumen, Gulaschkanone: Goethe hatte viele Interessen. Selbst der Vorgänger unseres heutigen Aktenordners weckte seine Neugier.

Es war eine verblüffende Übersicht: 1963 veröffentlichte die Zeitschrift Pardon den Artikel „Goethe und die Folgen“. Darin berichtete Robert Gernhardt, zu welchen aberwitzigen Themen geforscht und publiziert würde, wenn nur irgendein Bezug zu Johann Wolfgang Goethe herzustellen sei. Da gibt es beispielsweise die (durchaus spannende) Veröffentlichung „Goethe und der Impfzwang“. Ebenfalls erwähnt wird eine Abhandlung zu Goethes Wahrnehmung der „Gulaschkanone“. Was Goethe von Schwämmen hielt, kann nachgelesen werden und auch, ob er eigentlich das Schwimmen erlernt hatte? Erfahren kann man auch, dass er ein Freund von Kunstblumen war.

Außensicht einer „reliure mobile“ ©Pierre Bergé & Associés, 2012

Außensicht einer „reliure mobile“ ©Pierre Bergé & Associés, 2012

Dass Goethe den zu seiner Zeit hochmodernen – und immer noch erhältlichen – Druckminenbleistift gern nutzte, dazu gibt es zwar (noch) keine eigene Untersuchung. Es zeigt jedoch dass er auch Büromaterialien und Ordnungsmitteln höchst interessiert gegenüberstand. So soll hier über das wunderliche Thema „Goethe und der Vorläufer des Leitz-Ordners“ berichtet werden.

Als das Ordnen noch sehr kompliziert war

Tatsächlich waren seinerzeit dieser Produktname und auch sein Hersteller noch nicht geboren. Auch „Brief-Ordner“ oder „Dokumenten-Ordner“ waren nicht gebräuchlich. Denn es gab noch kein ordnendes Hilfsmittel, also keinen „Ordner“ im heutigen Sinne.

Die Schriftstücke waren damals in Möbelfächern oder auf Regalböden abgelegt. Dabei konnte eine alphabetische Sortierung eingehalten werden. Oder sie wurden nach zeitlichem Eingang aufeinander geheftet. Dann konnte aber ein verspätetes oder zunächst verlegtes Schreiben nach dem Zusammenheften und Aufbinden in ein Buch nur mit Mühe den anderen Dokumenten an der richtigen Stelle nachträglich beigefügt werden. Eine bewegliche Mechanik zweier umgedrehter „U“s, wie Louis Leitz sie 1886 als „Aushebemechanik“ entwickelte, stand eben noch nicht zur Verfügung.

Innenansicht einer „reliure mobile“ ©Pierre Bergé & Associés, 2012

Die Erfindung des beweglichen Buch-Einbandes

In diesem Dilemma tauchte in den 1820er Jahren in Frankreich die sogenannte „reliure mobile“ auf. Und dieser Begriff findet sich auch bei Goethe. Übersetzt ist das „der bewegliche Bucheinband“.

1828 erhielt der Buchhändler Jügel in Frankfurt am Main die schriftliche Bitte Goethes, sich doch einmal um diese „reliure mobile“ zu kümmern. Er, Goethe, habe davon gelesen, er wisse nicht mehr wo, aber nützlich könnte sie ihm vielleicht werden, denn es sei in der Weimarer Bibliothek ein großer Katalog zu heften, und Jügel habe doch Kontakte nach Paris … Also, bitte!

Daraus wurde wohl nichts, denn ein Vierteljahr später schrieb Goethe in sein Tagebuch, der Buchbinder Bauer aus Weimar habe ihm seine Nachahmung des beweglichen Heftens und Bindens vorgezeigt. Keinen Monat später wurde ebendort eingetragen: Um 12 Uhr Prinzeß Auguste Hoheit. Verehrte derselben einen Band der Pariser Relieure mobile, nachgeahmt durch Buchbinder Bauer.

Entwurfszeichnungen für den beweglichen Einband (1828) ©SLUB

Wie funktioniert eine reliure mobile?

In Dinglers Polytechnischem Journal wurde im 29. Band von 1828 ein beweglicher Einband vorgestellt, dessen Heftung es erlaube, den Buchblock in seiner Stärke zu verändern, beziehungsweise die Reihenfolge der eingehefteten Teile umzustellen. „Ein geschikter Buchbinder“ solle in der Lage sein, die beigefügte Zeichnung zu verstehen.

Ganz so einfach war es wohl doch nicht. Der Einband ähnelte eher einer kleinen Maschine: Die Heftfäden wurden durch Darmsaiten und Messingdraht ersetzt, ein Gurt mit Schnalle und Dorn zurrte das Ganze im rückwärtigen Buchdeckel aus Blech zusammen.

Die unbestreitbaren Vorteile des Apparats wurden deutlich reduziert durch seine aufwändige Herstellung und Handhabung. So muss sich auch Goethe gegen das französische Patent von 1827 entschieden haben und – da ihn der Nachbau teuer kam, wie die erhaltene Buchbinderrechnung zeigt – schenkte ihn jener Weimarer Prinzessin Augusta, die 1871 zur ersten deutschen Kaiserin wurde.

Goethes Nachbau gilt als verschwunden

Seitdem fehlt von Goethes Nachbau der „reliure mobile“ in Weimar jede Spur. Ob sie sich noch in Berlin oder Potsdam in den ehemaligen kaiserlichen Bibliotheken befindet, ist ungewiss. In Frankreich taucht das Patent als Einband für ein juristisches Werk von 1828 gelegentlich in immergleicher Ausführung auf. Selbstverständlich steht ein Exemplar in der französischen Nationalbibliothek, und im Juli 2020 wurde ein weiteres bei Binoche & Giquello, dem Pariser Auktionshaus, für etwa 2000 Euro versteigert.

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