Ein seltenes Naturspektakel

Mehrere Jahrzehnte kann es dauern, bis sich die ersten Knospen der „Jahrhundertpflanze“ ausbilden. Nun blüht nach zwölf Jahren wieder eine Agave in Belvedere.

 

In Belvedere ist nach zwölf Jahren wieder eine blühende Agave zu sehen. Besucher*innen können dieses besondere Ereignis im Schlosspark vor dem Gärtnerwohnhaus bestaunen. Von Anbeginn der Orangerie Belvedere wurde die Agave (botanisch Agavae americana) hier kultiviert und lässt sich bereits im Inventar von 1796 mit 30 Exemplaren unter der damaligen Bezeichnung Aloe nachweisen.

 

Ein besonderes Naturspektakel: In Belvedere blüht nach zwölf Jahren wieder eine Agave. Foto: Andreas Pahl, Klassik Stiftung Weimar

Beheimatet ist die zur Familie der Spargelgewächse (Asparagaceae) gehörende Pflanze in den USA und Mexiko. Sie gehört zu den ersten sukkulenten Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas in Europa eingeführt wurden. Den Namen Jahrhundertpflanze bekam sie durch ihre seltene Blütezeit, denn die Agave blüht nur ein einziges Mal nach mehreren Jahrzehnten und stirbt daraufhin. Es galt von jeher als Ausdruck eines besonderen Geschicks des jeweiligen Gärtners, eine blühende Agave zu präsentieren.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Belvedere anlässlich einer Agavenblüte sogar eine aufwändige Konstruktion – ein sogenanntes Aloehaus – angefertigt, durch das man die Blüten, die sich aus hunderten Einzelblüten zusammensetzen, aus der Nähe betrachten konnte. Über beidseitig angelegte Treppen gelangte man zu einem Altan, dessen Treppenwangen jeweils durch eine Reihe einzelner Kübel mit höhenangepassten Zypressen dekoriert waren.

Vogelschau Belvedere mit dem sogenannten Aloehaus unten links. Johann Adolf Richter, 1758, © Klassik Stiftung Weimar

Das im Stich von 1758 dargestellte Aloehaus entstand vermutlich für die erste Agavenblüte in Belvedere im Jahre 1753. In der Sammlung der Klassik Stiftung Weimar findet sich auch ein Ölgemälde der seltenen Agavenblüte:

Künstler: unbekannt, Agave, Mitte 18. Jh., Öl auf Leinwand, © Klassik Stiftung Weimar

Im Zuge weiterer blühender Agaven schrieb der Weimarische Wöchentliche Anzeiger am 18. Juli 1787: „Einem geehrtem Puplico, insonderheit aber denen Liebhabern der großen Gärtnerey, wird die Anzeige nicht unangenehm seyn, daß dermahlen zu Belvedere eine Aloe oder Agave americana, zu blühen anfängt und 24 Fuß hoch ist. Sie hat bereits 1020 Blumen-Knospen an 25 Armen oder Aesten, welches ein schönes Anssehen giebt. Da dergleichen so oft nicht vorkommt, so ist auch davor gesorgt, daß man die Blumen in der Nähe betrachten kann.“[1] Johann Wolfgang von Goethe weilte derzeit in Italien und konnte somit die Agavenblüte nicht erleben.

Aber auch im 19. und 20. Jahrhundert kamen Agaven zur Blüte, wie eine Zeichnung von Julius Sckell, dem damaligen Garteninspektor Belvederes, aus dem Jahr 1845 sowie ein Gedicht von Karl Sondershausen aus demselben Jahr zeigen. Darin heißt es:

„Viele Winter schlief sie, jahrelange
Träume still das Eine Lenzes Lied,
Das nun mächtig mit der Liebe Drange
Auf, in Farbentönen schmelzend, blüht.“

Eine Bleistiftzeichnung von Julius Sckell und ein Gedicht von Karl Sondershausen über die Agavenblüte im Jahr 1845 (Otto Sckell: 200 Jahre Belvedere. Ein Rückblick auf seine Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung seiner Gartenkunst, Weimar 1928).

Der Besuch in Belvedere lohnt sich, denn auch heute ist es ein besonderes Ereignis, wenn eine Agave blüht. Zwar gibt es kein Aloehaus mehr, jedoch kann man sich ein Modell dieses besonderen Bauwerks im Westpavillon des Schlosses anschauen. Die Ausstellung Hüter der Goldenen Äpfelim Gärtnerwohnhaus bietet darüber hinaus Informationen über die Orangeriekultur und die Geschichte der Hofgärtner.

Die Orangerie ist täglich von 8 bis 21 Uhr geöffnet. Das Schloss und das Gärtnerwohnhaus sind von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

 

Nachweis:

[1] Zitiert nach: Otto Sckell, 200 Jahre Belvedere, Weimar 1928, S. 31