Schubläden mit Goethes Medaillen, 2022 © privat

Drei Säcke Münzen – Bilder in Metall

Vielfalt im scheinbar gleichen: Drei Säcke Münzen ersteigerte Johann Wolfgang von Goethe im Sommer 1803 auf einer Auktion von Duplikaten aus der Sammlung des Nürnbergers Johann Karl Ebner von Eschenbach. Monoton wirken die aufgereihten Köpfe im Sammlungsschrankschubfach, doch durch genaue Betrachtung – während des Workflow der Digitalisierung – gewinnen die Bilder in Metall an Kontur.

Von Iris Kolomaznik

Mit der Erwerbung von knapp 1000 Stücken besaß Goethe 1803 bereits die Hälfte seines letztendlich 1949 Stücke umfassenden Medaillenbestandes. Den Tipp für den Erwerb gab ihm sein Beamtenkollege und Münzsammler Christian Gottlob Voigt. Darunter waren auch Papstbildnisse: eine Porträtfolge von Martin V. bis Clemens XI., also vom 15. Jahrhundert bis zum ersten Viertel des 18. Jahrhunderts.

Seit der in der Renaissance einsetzenden Medaillenproduktion waren postume und mit Fantasieporträts versehene Stücke mittelalterlicher Päpste bis hin zu Apostel Petrus auf dem Markt. Doch Goethe schrieb nach Sichtung der Papstbildnisse aus der Nürnberger Auktion 1803 an Voigt: „Es versteht sich von selbst, daß es Medaillen sind, welche zu Lebzeiten des Papstes geprägt worden, denn von den Sammlungen welche spätere Künstler, mit dem Bildniß verstorbener Päpste, geprägt worden, kann die Rede nicht sein“. Dennoch finden sich in seiner Sammlung aus späteren Jahren auch Medaillen mit Bildnissen mittelalterlicher Päpste.

Die scheinbare Monotonie weicht schnell einer Faszination, wenn man die Schubläden der modernen Sammlungsschränke im Goethehaus-Anbau öffnet und die Stücke näher betrachtet.

Papst Urban VIII. 1626 | Papst Innozenz X. 1647 | Papst Alexander VII. 1657 | Papst Urban VIII. 1629
Fotos: Klassik Stiftung Weimar

 

Kunstbetrachtung als Mittel zum Verständnis von Diversität

Wie konnte ein Sammler es interessant finden, mehrheitlich Brustbilder nach rechts mit hohem Mantelkragen und variierenden Kopfbedeckungen vor sich zu sehen? Für Goethe war der Vergleich von scheinbar gleichen Objekten schon vor 1790 von Bedeutung. Damals veröffentlichte er seinen „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“. In der Sichtung und Analyse des scheinbar Gleichen und insbesondere jedoch der sie unterscheidenden Merkmale fand Goethe die Ursache für die Diversität von Naturobjekten und prägte in diesem Kontext den Begriff der Morphologie. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Metallbilder durch genaue Betrachtung plötzlich an Komplexität: Beinahe asketische Gesichter neben fast runden Köpfen, neben der Tiara unterschiedliche Kopfbedeckungen oder Tonsuren. Auf einem Stück von 1629 fällt das Porträt von Papst Urban VIII. durch seine zum Segensgestus erhobene Hand deutlich aus dem Gesamtbild. Vielfalt im scheinbar Gleichen: Kunstbetrachtung als Mittel zum Verständnis von Diversität in Kunst, Natur, Welt.

Gedankenreise auf die Piazza Navona in Rom

Im bereits zitierten Brief von 1803 legte Goethe dar, weshalb ihm das Sammeln von Medaillen, er nannte sie hier Münzen, unter anderem wichtig war: „Da ich mich von dem Anschauen größerer Kunstwerke, hier in meiner Lage [in Weimar], entfernt sehe; so ist die Betrachtung von Münzen eine besonders belehrende Unterhaltung, indem man die Kunstgeschichte aus ihnen sehr gut studieren kann, besonders wenn sich das Auge am Marmor hinlänglich geübt hat“. Der von seinen Staatsdiensten in Weimar bei laufender Gehaltszahlung freigestellte Dichter war während seiner zweijährigen Italienreise ab 1786 viele Wochen in Rom gewesen. Nun nutzte er zu Hause die Sammlungsobjekte als Möglichkeit, sich gleichermaßen unterhalten und ‚belehrt‘ zu fühlen, als Brennglas für neue Ideen.

Dem Sammler konnten die geprägten und gegossenen Bilder so als Cicerone (Reiseführer) durch das nun ferne Rom dienen. Aus diesem Grunde hatte er unter anderem auch zwei Romansichten erworben und wohl im Erdgeschoss seines Gartenhauses zur Ansicht an die Wand bringen lassen. Goethes Erinnerungen an seine Reise nach Italien sind nachzulesen, unter anderem in seinem Buch „Italienische Reise“. Zu dessen Vorbereitung schrieb er damals seine Korrespondierenden an, ihm doch bitte seine Briefe wieder zukommen zu lassen, damit er seine Erinnerungen ergänzen könne.

Dreht man nun die Medaille mit dem segnenden Urban VIII. einmal um, zeigt sich ein interessantes Detail am Rand einer Seligsprechungsszene: zwei gewundene Säulen. Es handelt sich hier um den bronzenen Altaraufbau in der Kirche San Pietro in Vaticano, den der von Urban geförderte Bildhauer Gian Lorenzo Bernini von 1624 bis 1635 über dem Grab des Apostels Petrus schuf. Zu diesem Stück nennt Johann Christian Schuchardt in seiner Publikation zu Goethes Kunstsammlungen nur die Seligsprechung als Motiv. Schuchardt war, neben seiner Tätigkeit als Beamter in Goethes Fachbereich der Unmittelbaren Anstalten für Wissenschaften und Kunst in Weimar/Jena, einige Jahre auch Goethes Privatsekretär. Seine Nummerierung im sogenannten Schuchardt-Katalog bildet bis heute die Grundlage im Ordnungssystem der Sammlung und somit für deren Digitalisierung. Für Goethe wird jedoch neben dieser historischen Begebenheit der Seligsprechung ebenso relevant gewesen sein, das Altar-Ziborium Berninis am Rand der Szene mit im Bild zu haben. Auf dem Revers (Rückseite) einer anderen, 1626 datierten Medaille ist der Altar-Aufbau direkt als zentrales Motiv zu finden.

Rom, San Pietro in Vaticano, Seligsprechung am Altar 1629 | Rom, San Pietro in Vaticano, Altar-Aufbau von Bernini 1626
Fotos: Klassik Stiftung Weimar

Und die am Ende des 15. Jahrhunderts erfundene Zentralperspektive zeigen einige wie Bauzeichnungen wirkende Innenarchitekturen auf Rückseiten von Bildnissen des Papstes Innozenz X.: die Lateranbasilika San Giovanni und San Pietro in Vaticano.

Rom, Lateranbasilika San Giovanni 1647 | Rom, San Pietro in Vaticano (mit Altar-Aufbau von Bernini) 1648
Fotos: Klassik Stiftung Weimar

Unter dem 1655 bis 1667 amtierenden Papst Alexander VII. wurden die Säulengänge auf dem Petersplatz errichtet. Diese Kunde hatte die Rückseite eines Alexander-Bildnisses hinaus in die Welt zu tragen; die Kolonnaden von Bernini prägen den Petersplatz bis heute als gewaltige Spange. Verschiedene Bau- und Restaurierungsprojekte des von 1623 bis 1644 besonders lange im Amt tätigen Urban VIII. sind auf Rückseiten seines Bildnisses zu sehen: ein Plan der Engelsburg, die Kirchenfassade von Santa Bibiana nach Restaurierungsarbeiten von Gian Lorenzo Bernini,

Rom, Petersplatz, Kolonnaden. 1657 | Rom, Plan der Engelsburg 1628 | Rom, Kirche Santa Bibiana 1634.
Fotos: Klassik Stiftung Weimar

die Papstvilla in Castel Gandolfo und die Innenansicht des Baptisteriums von San Giovanni in Laterano.

Rom, Castel Gandolfo, Papstvilla. 1640 | Rom, San Giovanni in Laterano. 1639
Fotos: Klassik Stiftung Weimar

Der von Bernini entworfene Vierströme-Brunnen auf der Piazza Navona findet sich auf der Rückseite einer Medaille mit Papst Innozenz X.

Rom, Piazza Navona, Vierströme-Brunnen. 1654, Foto: Klassik Stiftung Weimar

Angemerkt sei, dass die Papstporträts aus dem Nürnberger Auktionslos nicht nur Kunstdenkmäler zeigen, sondern es zum Beispiel auch den Heiligen Petrus mit den Schlüsseln gibt, Fußwaschungs- und andere biblische Szenen. Den chronologischen Abschluss der Papstbildnisse in den drei Münzsäcken bildet das des Clemens XI. Aus der Vielfalt von Motiven aus seinem von 1690 bis 1721 lange währenden Pontifikat (Amtsdauer) sei hier exemplarisch eine Rückseite herausgegriffen: Eine personifizierte Sonne überstrahlt auf Dreiviertel des Bildfeldes eine Naturlandschaft, darüber auf bewegter Banderole (Schriftband) die Worte: „CUNCTIS CLEMENS“. Ein Wortspiel mit dem Namen des Papstes und dem Motto (übersetzt: „Barmherzigkeit zu allen“) in einer emblematischen Darstellung (Kunstform mit Verbindung Bild/Schrift). In dieser Art charakteristisch für die Zeit um 1700, die später den Begriff Barock zugeordnet bekam.

Emblem auf Papst Clemens XI. um 1702, Foto: Klassik Stiftung Weimar

Zum Weiterlesen: Jochen Klauß: Die Medaillensammlung Goethes, 2. Bde., Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Medaillenkunst und Stiftung Weimarer Klassik, Berlin 2000 (Zitate ebd. S. 11 f.).

Die Verfasserin des Textes, Iris Kolomaznik, ist Projektmitarbeiterin Digitalisierung im BMBF-Projekt MünzeMachtWissen, Abteilung Stadtschloss, Hof- und Residenzkultur in der KSW-Direktion Museen und Kunsthistorikerin.

 

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