Fotograf unbekannt, Magda Langenstraß-Uhlig, 1932, Foto: Potsdam Museum – Forum für Kunst und Kulturgeschichte © Dr. Sigmar Uhlig | Fotograf unbekannt, Ella Bergmann-Michel mit 35mm-Kinamo-Kamera, nach 1931, Sprengel Museum Hannover, Archiv Robert Michel und Ella Bergmann Michel, Schenkung aus dem Nachlass der Künstler, Foto: bpk | Sprengel-Museum Hannover © Sünke Michel

Zwischen Kind und Karriere: Zwei Frauen am Bauhaus

von Stephan Dahme

Die Sonderschau „Weggefährtinnen der Moderne“ zu den Bauhaus-Künstlerinnen Magda Langenstraß-Uhlig und Ella Bergmann-Michel im Bauhaus-Museum endet dieser Tage. Coronabedingt war sie nur einen Monat lang zu sehen. Grund genug, hier noch einmal einen Blick hinein zu werfen.

Zwei begabte junge Frauen um 1900, selbstbewusst und emanzipiert, beide studieren Kunst, kommen ans Bauhaus, werden Mutter und versuchen, Kunst und Kinder unter einen Hut zu bekommen. So ihre Gemeinsamkeiten.
Magda Langenstraß-Uhlig findet über die traditionelle Kunst zur expressionistischen und abstrakten; Kunst versteht die alleinerziehende Mutter auch als Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Ella Bergmann-Michel hingegen ist schon das frühe Bauhaus zu verstaubt. Sie umgibt sich mit den neuesten Kunstströmungen. Mit ihrem Mann etabliert die zweifache Mutter einen Treffpunkt für die wichtigsten Avantgardisten der Zeit.
Magda und Ella: so gleich, so verschieden. Das Bauhaus hatte viele Gesichter und Geschichten. Hier sind zwei davon.

Die Vorreiterrolle Weimars

“Es gab überhaupt keinen anderen Beruf für mich”, sagte Ella Bergmann-Michel rückblickend über ihren Entschluss, Künstlerin zu werden. Doch war eine Ausbildung für Frauen an deutschen Kunstakademien im frühen 20. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich.

Weimar hatte dabei eine Vorreiterrolle. Noch vor den renommierten Kunstakademien in Berlin, Dresden, Düsseldorf und München gab es hier schon Studentinnen. Wegen ihres großen Zustroms brauchte es sogar mehr Platz, den erst der berühmte Neubau von Henry van de Velde gewährleistete.

Fotograf unbekannt, Ella Bergmann-Michel (M.) in der Zeichenklasse von Walther Klemm in Weimar, 1915/18, Sprengel Museum Hannover, Archiv Robert Michel und Ella Bergmann Michel, Schenkung aus dem Nachlass der Künstler, Foto: bpk | Sprengel-Museum Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Sowohl Magda Langenstraß-Uhlig als auch Ella Bergmann-Michel führte der Weg über die Großherzoglich Sächsische Kunstschule in Weimar zum Staatlichen Bauhaus. Als „Weggefährtinnen der Moderne“ wurden sie Teil eines dichten Netzwerks der künstlerischen Avantgarde, bevor sie durch die Nationalsozialisten zum Rückzug in die innere Emigration gedrängt wurden.

Magda Langenstraß-Uhlig, Zwei Widderschädel, 1906, Gouache auf Karton, Sammlung Dr. Sigmar Uhlig, Foto: Klassik Stiftung Weimar © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Zwischen früher Meisterschaft und Rebellion: Die Anfangsjahre der beiden Künstlerinnen

Als eine der ersten Frauen durchlief die Thüringerin Magda Langenstraß-Uhlig (1888–1965) eine klassisch-akademische Ausbildung an der Weimarer Kunstschule. Über die Großherzogliche Zeichenschule, in der sich schnell ihre außerordentliche Begabung zeigte, kam sie 1907 an die Kunstschule. Während ihres Studiums u.a. bei Sascha Schneider und Max Thedy erhielt Magda mehrfach Auszeichnungen, bevor sie ihr Studium 1911 mit einer Medaille für besondere Leistungen im Fach Malerei abschloss. Künstlerisch orientierte sie sich an der gemäßigt modernen Weimarer Malerschule ihrer Lehrer.

Magda Langenstraß-Uhlig, Textilentwurf mit Streifendekor, um 1925, Aquarell und Silberfarbe über Grafit auf Papier, Klassik Stiftung Weimar, Karl Peter Röhl Stiftung, Foto: Klassik Stiftung Weimar © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der sieben Jahre jüngeren, aus Paderborn stammenden Ella Bergmann-Michel (1895–1971) war die gemäßigte Moderne dagegen bereits zu konventionell. Auch sie hatte zunächst die Großherzogliche Zeichenschule besucht.  Als Ella 1917 ihr Kunststudium in Weimar aufnahm, hatte die Moderne neue Entwicklungen eingeschlagen, die im akademischen Lehrbetrieb noch keine Rolle spielten.
„Da brach wohl die klare Erkenntnis durch, dass auch dies niemals der Weg war, den ich gehen wollte und würde – dass nun mit unbeugsamem Willen der eigene Weg gefunden werden müsse. Von da an war ich in den Ateliers der Hochschule ein seltener Gast.“
Noch im Jahr ihrer Immatrikulation an der Kunstschule schuf sie Werke wie „Sonntag für Jedermann“ (1917), in denen sie sich intensiv mit dem jungen Dadaismus auseinandersetzte.

Ella Bergmann-Michel, Sonntag für Jedermann, 1917, Collage, Gouache, Städtische Museen und Galerien Paderborn, Foto: Städtische Museen und Galerien Paderborn: Ansgar Hoffmann © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Verheißung und Enttäuschung: Die beiden Frauen am Staatlichen Bauhaus

Als Walter Gropius im April 1919 das Bauhaus gründete, wurde Ella Bergmann-Michel als Studentin der Vorgängerinstitution automatisch übernommen. Doch auch ihre Erwartungen an die neue Schule wurden bald enttäuscht.

Die aufreibenden Richtungskämpfe der Anfangszeit und der starke Einfluss des ebenso charismatischen wie umstrittenen Lehrers Johannes Itten stießen sie ab. Schon nach kurzer Zeit verließ sie mit ihrem späteren Mann Robert Michel die Einrichtung: „ […] welch sonderbares Mystikum-Kompakt uns durch unser ‚Abhauen‘ erspart geblieben ist […].“ (Robert Michel)

Der gemeinsame Rückzugsort, eine alte Farbenmühle in Vockenhausen im Taunus, wurde dagegen zu einem Ort intensiven Austauschs modernster Künstler wie Kurt Schwitters, El Lissitzky oderLászló Moholy-Nagy, der 1923 Nachfolger Ittens am Bauhaus wurde.

Und Magda Langenstraß-Uhlig? Sie hatte bald nach ihrem Studium den abstrakten Expressionismus für sich entdeckt. 1919, im Jahr der Bauhaus-Gründung, stellte sie in einer viel beachteten Personalausstellung mit Kurt Schwitters in der Berliner Galerie „Der Sturm“ aus, in der erstmals Schwitters dadaistische Merz-Bilder zu sehen waren.

Magda Langenstraß-Uhlig, Blatt aus der Folge „Kandinsky“, um 1918, Feder und Pinsel in Tusche auf Karton, Klassik Stiftung Weimar, Karl Peter Röhl Stiftung, Foto: Klassik Stiftung Weimar © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Hätt’ ich doch zwei Leben: Beide Frauen zwischen Karriere und Kindern

Mit der Geburt ihrer Töchter Sinje (1920) und Gudrun (1923) stellte Magda Langenstraß-Uhlig ihre künstlerischen Ambitionen vor den familiären Aufgaben zurück. Umso mehr, als ihr Mann, der Arzt Karl Langenstraß, kurz nach der Geburt der zweiten Tochter aus beruflichen Gründen in die USA auswanderte und sie als alleinerziehende Mutter zurückließ.

Schon 1924 wagte Magda jedoch mit dem Mut der Verzweiflung einen Neuanfang und begann in der Hoffnung auf Verdienstmöglichkeiten ein Studium am Staatlichen Bauhaus: „Ich suchte nach Arbeit, Verdienst, neuen Wohnsitz und wollte und mußte es doch ausprobieren, ob ich etwa das alles durch das Bauhaus finden konnte.“ (Tagebuch 1939)

Voller Hoffnung nahm sie ihr Studium am Bauhaus auf. In ihren frühen Arbeiten spiegeln sich Einflüsse Wassily Kandinskys, Paul Klees und des Konstruktivismus. Doch blieb sie gespalten zwischen ihren Rollen als Künstlerin und als Mutter: „Meine liebsten Kinderlein – hätt’ ich doch zwei Leben! Eines nur mit Euch zu leben – […] und ein anderes, […] das ganz meiner Kunst gehörte.“ (1924).

In ihrer Not nahm sie die Kinder auch mit ins Bauhaus: „[W]ährend dein Mutterlein […] dem Vortrag zuhörte, saßt Du lieber kleiner Wicht still dabei unter den vielen Leuten als die jüngste Bauhausschülerin.“ (1925)

Ohne die Unterstützung ihres Mannes wurde dieser Spagat auf Dauer aber unerträglich, sodass sie sich im Sommer 1926 wieder aus dem Bauhaus zurückzog. Zugleich erkannte sie, dass ihr die reine Abstraktion ohne den Bezug zur Natur auf Dauer nicht genügte: „Ohne hart errungene Form […] ists als ob man sich nur von Schlagsahne ernährt hätte.“ (1927)

Treffpunkt der Avantgarde

Auch Ella Bergmann-Michel wurde nach ihrer Heirat mit Robert Michel Mutter: 1920 wurden Sohn Hans und 1927 Tochter Ella geboren. Dennoch konnten beide ihre künstlerische Tätigkeit fortsetzen. Ihr Haus wurde zu einem Treffpunkt der Avantgarde, der auch der eigenen Arbeit zahlreiche Anregungen gab.

Neben dem Dadaismus wurden die jüngeren Strömungen des Surrealismus und Konstruktivismus rezipiert. Zugleich entwickelte Ella ein wachsendes naturwissenschaftliches Interesse und wandte sich den neuen Medien Fotografie und Film zu.

Anfang der 1930er Jahre begann sie, filmisch zu arbeiten und wurde zu einer bedeutenden sozialengagierten Filmemacherin im Umfeld des Neuen Frankfurt. Hier begegnete sie weiteren Vertretern der zeitgenössischen Avantgarde wie Mart Stam, Pieter Oud oder Hannah Höch.

Magda Langenstraß-Uhlig und Ella Bergmann-Michel: Zwei von vielen vergessenen Bauhaus-Frauen

1933 erfuhren die Karrieren der beiden Künstlerinnen einen Bruch, als ihre künstlerische Arbeit von den Nationalsozialisten verboten oder als „entartet“ diffamiert wurde. Beide zogen sich in die innere Emigration zurück und konnten nicht mehr an ihre frühere Produktivität anschließen. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen weiteren Künstlerinnen des Bauhauses, denen die Klassik Stiftung Weimar schon im Herbst 2021 eine weitere Ausstellung im Bauhaus-Museum widmen wird: „Vergessene Bauhaus-Frauen. Lebensschicksale in den 1930er und 1940er Jahren“.

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Zur Ausstellung „Weggefährtinnen der Moderne“ erschien ein Katalog in der Reihe „Bauhaus / Aspekte“ unter dem Titel “Frauen am Bauhaus: Magda Langenstraß-Uhlig und Ella Bergmann-Michel”, Weimar 2020 

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