Porträt des Christian Wilhelm Büttner (1781), vermutlich Werkstatt von Johann Heinrich Tischbein d. Ä., Öl auf Leinwand © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Wie sich ein Sonderling selbst inszenierte

Von Nicole Zornhagen (Universität Göttingen)

Bekannt für seine natur- und sprachwissenschaftlichen Kenntnisse und doch als Sonderling belächelt. Wie Christian Wilhelm Büttner sich selbst sah, zeigt ein spannendes Porträt aus der Kunstsammlung der Universität Göttingen.

Exzellenter Wissenschaftler, sonderbarer Kauz: Beides trifft auf Christian Wilhelm Büttner zu: “Das alte lebendige Encyclopädische Dicktionair”, so nannte Goethe den Sprachforscher und Naturhistoriker, der zwar nie ein Studium abgeschlossen hatte, doch aufgrund seiner breitgefächerten Kenntnisse 1758 zum Professor an die Universität Göttingen berufen wurde.

Der 1716 in Wolfenbüttel geborene Büttner hatte Großes vor: Er wollte aus der Entwicklung der Sprache die Entwicklung der Menschheit rekonstruieren. Seine Sammlungen wuchsen, aber auch seine Schulden. Büttner verzettelte sich und musste 1773 sein Kabinett mit Naturalien und Münzen an die Universität Göttingen verkaufen. 1781 trat er seine Bibliothek an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach gegen eine Leibrente ab. Zwei Jahre später holte ihn der Herzog nach Jena. Büttner lebte bis zu seinem Tod am 8. Oktober 1801 mit seiner Bibliothek im Jenaer Schloss und stand im engen Kontakt mit Goethe.

Hochgeschätzt und doch belächelt: Zeitgenossen würdigten Büttners Wissen, amüsierten sich aber zugleich über sein unelegantes Auftreten, seinen ausschweifenden Redefluss und sein Unvermögen, Forschungen zu beenden und Ergebnisse zu veröffentlichen. Büttners Selbstbewusstsein litt aber keineswegs unter diesen Spötteleien. Eindrucksvoll zu sehen ist dies in einem Porträt, welches er für die Göttinger Professorengalerie höchstselbst in Auftrag gab.

 Mit viel Symbolik inszenierte sich Büttner hier als Universalgelehrten des 18. Jahrhunderts. Die Dinge, mit denen er sich umgibt, deuten auf seine Gelehrsamkeit hin. Sie zeigen seine Interessen, können aber auch als Retourkutsche gegen die Uni Göttingen verstanden werden. Büttner hat der Nachwelt wenig Publiziertes hinterlassen. Neben einigen Aussagen von Zeitgenossen, erhalten gebliebenen Korrespondenzen und dem handschriftlichen Nachlass im Goethe- und Schiller-Archiv, dient heute sein Porträt als wertvolles Dokument seines Schaffens. Hier die spannenden Details seiner Selbstdarstellung in Öl auf Leinwand:

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

In seiner rechten Hand hält Büttner ein Papier mit den chinesischen Schriftzeichen wén und zi, die seine Lieblingswissenschaft, die Linguistik, und seine Faszination für fremde Sprachen verdeutlichen sollen, von denen der polyglotte Büttner immerhin 47 sprach. Die Kombination beider Schriftzeichen steht für Schrift. Büttner allerdings hat sie in verkehrter Reihenfolge dargestellt.

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Ähnliches fällt auf bei dem sonst ordentlichen Bücherregal im Hintergrund. Die Bücher stammen größtenteils von Autoren, die sich mit Sprachen- oder Naturkunde beschäftigen. Nur das Buch des englischen Naturforschers John Woodward, der sich in seinem “Essay towards the natural history of the Earth” von 1702 für eine biblische Schöpfungsgeschichte stark machte, steht auf dem Kopf. Als Empiriker konnte Büttner wohl nicht mit einer solchen Auslegung einverstanden sein.

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Zwischen den Büchern findet sich der Leihschein seines ehemaligen Schülers und nun angesehenen Professors Johann Friedrich Blumenbach vom 10. Juni 1781. Die Auswahl der Entleihungen zeigt den Betrachtern anhand der vermerkten Titel die Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens im 18. Jahrhundert: Büttner und Blumenbach traten für eine Naturerkenntnis und -praxis ein, deren methodischer Kern ein empirisches Vorgehen beinhaltete, das eigene Anschauung unter kritischer Bezugnahme überlieferter Wissensbestände mit messenden und experimentellen Verfahren verbinden wollte. Die auf dem Tisch befindlichen Objekte runden diese Aussage ab. Maßstab, Zirkel, Waage, Trichter, Tintenfass und unbeschriebenes Papier weisen den Gelehrten als messenden, wiegenden, systematisierenden und dokumentierenden Naturforscher aus.

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Büttner tat sich Zeit seines Lebens schwer, seine großangelegten Sprachenforschungen zu veröffentlichen. Umso bedeutsamer war es für ihn, als er im hohen Alter von über 60 Jahren den zweiten und letzten Teil seiner “Vergleichungstafeln der Schriftarten verschiedener Völker” herausgeben konnte. Die auf dem Schreibtisch platzierte Pflaume verweist indirekt auf diesen späten Triumph. Auf dem beiliegenden Zettel steht: “65 anorum arboris”. Wie der Baum in seinem 65. Lebensjahr noch Früchte trug, trug auch Büttners lebenslange Beschäftigung mit der Sprachenkunde im hohen Alter Früchte.

Zudem geben Pflaume und Leihschein Auskunft über die sonst fehlende Datierung des Bildes. Es entstand 1781, nach dem Verkauf der Bibliothek an Herzog Carl August also, auch wenn das fast faltenfreie Gesicht Büttners ein Alter von 65 Jahren nicht vermuten lässt.

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Porträt des Christian Wilhelm Büttner (Detail) © Kunstsammlung der Georg-August-Universität Göttingen

Büttner hat sich schließlich nicht gescheut, einen Seitenhieb unterzubringen. Eher unauffällig und doch an zentraler Stelle auf den Regalboden geschrieben, findet sich ein Hinweis auf Demokrit und die Abderiten. Büttner bezieht sich damit auf den satirischen Roman von Christoph Martin Wieland. Er erzählt die “Geschichte der Abderiten” und ihres einzigen aufgeklärten und vernunftbegabten Mitbürgers Demokrit, der versucht, die Einwohner seiner Stadt zu toleranten, humanen Kosmopoliten zu erziehen. Dabei stößt er besonders bei den bornierten Gelehrten auf erheblichen Widerstand. Offenbar erging es Büttner in Göttingen ähnlich, was ihn dazu veranlasste, seine erlesene Bibliothek an Carl August zu veräußern.

Während dem Protagonisten in Wielands Roman eine Geisteskrankheit attestiert werden sollte, galt Büttner den Göttingern zeitlebens als Sonderling. Der Verweis auf Demokrit mag als Hieb gegen seine Göttinger Spötter gesehen werden. Doch selbst Goethe charakterisierte Büttner als “gutmüthigen Sonderling, der sich in einem herkömmlichen Unwesen eigensinnig gefiel”.

Mehr zum Thema:

Geräucherte Post: Wie Briefe in Zeiten von Cholera desinfiziert wurden

Wie die Wespen: Über Papierforschung im 18. Jahrhundert