Rudolf Riege, Blick in das Weimarer Atelier im Jahr 1921 © Museum Hameln

Rudolf Riege, Der Maler und sein Modell vor einem Spiegel, 1920er Jahre © Museum Hameln

Rudolf Riege, Bauhaus-Weberin und Maler mit Palette, 1925 © Museum Hameln

Rudolf Riege, Die Lesende, 1920er Jahre © Museum Hameln

Rudolf Riege, Olinde, 1923 © Museum Hameln

Rudolf Riege –
Bauhausschüler auf Abwegen

Das Museum Hameln widmet dem vergessenen Bauhaus-Schüler Rudolf Riege eine Kabinett-Ausstellung.

Es muss nicht immer Schokolade sein. Etwas aus der Weimarer Holzbock-Presse wäre doch auch schön. Dies fand zumindest Kurt Tucholsky, als er 1922 in der Zeitschrift ›Die Weltbühne‹ einem »jungen Herrn« empfahl, seiner Freundin doch

»auch einmal etwas andres [zu] schenken, wenn Sie lieben. Zum Beispiel: Rieges Holzschnitte. Kriegen Sie keinen Schreck. R. Riege ist kein teurer Mann, weil die Kunstschreiber noch nicht ihre Fremdwort über ihn ausgeschüttet haben – noch ist er billig. Seine Mappen und Mäppchen, eine immer hübscher als die andre, sind in der […] Holzbock-Presse zu Weimar erschienen […]. Ich habe meiner jungen Dame gleich zwei geschenkt.«

Der hier empfohlene Künstler Rudolf Riege, geboren 1892 in Hameln an der Weser, hatte 1919/20 am Bauhaus studiert. Nach Weimar war er bereits 1909 im Alter von 17 Jahren gekommen, wo er Schüler an der Großherzoglichen Kunstschule wurde – unter anderem bei Fritz Mackensen, dem Gründer der Künstlerkolonie Worpswede. Riege selbst gründete 1913 gemeinsam mit Max Nehrling, von dem ein Portrait Rieges heute im Besitz der Klassik Stiftung ist, und Gottlieb Krippendorf die »Künstlerkolonie Föhlritz« in der Rhön.

Max Nehrling, Porträt Rudolf Riege, 1919, Klassik Stiftung Weimar

Max Nehrling, Porträt Rudolf Riege, 1919, Klassik Stiftung Weimar

Nach dem ersten Weltkrieg, den Riege in den ›Holzschnitte[n] von Leben und Tod im Kriege‹ verarbeitete, kehrte er 1919 nach Weimar zurück und belegte den Vorkurs und die Aktklasse von Johannes Itten; Druckgraphik studierte er als Meisterschüler bei Walther Klemm. In den folgenden Jahren widmete er sich besonders dem Holzschnitt; sein markiger Stil fand nicht zuletzt in Tucholsky einen Bewunderer. Riege schuf in den 20er und 30er Jahren zahlreiche Illustrationen und Holzschnittfolgen, unter anderem ›Einige Reimsprüche von Goethe mit Bildern in Holz geschnitten, aber auch für ›Plattdeutsche Sprichwörter in Holzschnitten. 1928 zog Riege in seine Geburtsstadt im Weserbergland zurück.

Dort zeigt nun das Museum Hameln in einer kleinen Kabinettausstellung noch bis Ende Mai 2018 vier Gemälde, die Rudolf Riege wohl in seinen Weimarer Jahren schuf. Vermutlich seit Rieges Tod 1959 ohne Rahmen auf einem Stapel gelagert, sind die Gemälde erst kürzlich aus dem Nachlass des Künstlers ans Museum gelangt, wo sie nun erstmals (wieder) ausgestellt sind. Auf dem Gemälde ›Der Maler und sein Modell vor einem Spiegel‹ sieht man einen Maler im seriösen dunklen Anzug an der Staffelei stehend, mit konzentriertem Blick auf die Leinwand, an der er gerade arbeitet, ermöglicht die Spiegelansicht eine Darstellung des weiblichen Akts in aus zwei Perspektiven. Das Modell ist im verlorenen Profil dargestellt und wendet den Blick vom Betrachter ab, über die Schulter zu ihrem eigenen Spiegelbild, so dass eine eigenwillige Blickregie entsteht, schwankend zwischen Intimität und nüchtern-sachlich distanzierter Beobachtung.

Rudolf Riege, Der Maler und sein Modell vor einem Spiegel, 1920er Jahre © Museum Hameln

Rudolf Riege, Der Maler und sein Modell vor einem Spiegel, 1920er Jahre © Museum Hameln

Nicht weniger unnahbar als in diesem Spiegelkabinett der Blicke begegnen dem Betrachter die beiden Figuren in einem zweiten Atelier-Gemälde Rieges. Es zeigt links im Vordergrund eine junge Frau mit eigenartig ausdruckslos aus dem Bild herausschauenden Blick am Webstuhl (Theresia Enzensberger hat in ihrem 2017 erschienen Roman ›Blaupause‹, dessen Protagonistin 1921 ans Bauhaus kommt, den Unwillen vieler Studentinnen geschildert, die zunächst einmal der Weberei-Klasse zugeordnet wurden; vielleicht scheint eine gewisse Unzufriedenheit auch hier durch), während im Hintergrund ein junger Mann im Malerkittel und mit Palette in der linken Hand seinen aufmerksamen Blick fest auf sie gerichtet hat. Ein Spiegel ist hier nicht im Bild, doch reizt die Darstellung permanent dazu, seinen Standort zu bestimmen. Zwischen Mann und Frau steht auf dem Boden ein hoher Korb mit dicken Wollfäden verschiedenster Farben, als sollte die gemeinsame Basis von Malerei und Weberei im Farbmaterial hervorgehoben werden. Auf einem Tisch Bildhintergrund sind eine Schale mit Früchten, eine zylindrische, messingfarbene Kaffeemühle und ein Keramikkrug zu sehen. Die Kuratorin der Hamelner Ausstellung, Dr. Silke Köhn, hat daher vorgeschlagen, in der portraitierten Weberin Margarethe Heymann zu erkennen, die später als Keramikerin Bedeutung erlangte.

Rudolf Riege, Bauhaus-Weberin und Maler mit Palette, 1925 © Museum Hameln

Rudolf Riege, Bauhaus-Weberin und Maler mit Palette, 1925 © Museum Hameln

Weitere Gemälde Rieges in der Hamelner Ausstellung zeigen die Tochter Olinde im Garten und die in Rückenansicht zu sehende Frau des Malers bei der Lektüre eines Buches. Die Ausstellung hat die vier Ölgemälde durch kleinere Arbeiten Rieges auf Papier ergänzt: um die Adressänderung des Künstlers, als er aus Weimar fort zog, um die Geburtsanzeige des Sohnes Hans Otto, aber auch um einen Blick ins Weimarer Atelier im Jahr 1921. In einer Vitrine liegt zudem ein Exemplar der Mappe mit Holzschnitten um den von Riege erfundenen ›Kurt Dönebön‹ – Tucholsky lobte die Darstellungen in der Weltbühne sehr.

Rudolf Riege, Blick in das Weimarer Atelier im Jahr 1921 © Museum Hameln

Rudolf Riege, Blick in das Weimarer Atelier im Jahr 1921 © Museum Hameln

Sucht man heute im Online-Antiquariatshandel nach Riege, so findet man seinen Namen auch in einschlägigen Kunst-Zeitschriften der NS-Zeit. Gerade seine Holzschnitte zum Ersten Weltkrieg fanden Aufmerksamkeit, unter anderem in Heften von ›Die Kunst im Deutschen Reich‹, herausgegeben vom Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP, Anfang der 40er Jahre.

Rudolf Riege, Das erste Erntedankfest 1933, Sammlung Bernhard Gelderblom, Hameln

Rudolf Riege, Das erste Erntedankfest 1933, Sammlung Bernhard Gelderblom, Hameln (Das Original scheint verloren gegangen zu sein, das Gemälde wurde in zahlreichen Reproduktionen verbreitet.)

In einem Ölgemälde hielt Riege 1933 das erste ›Reichserntedankfest‹ auf dem Bückeberg bei Hameln fest – die Farbtupfen der Einzelnen lösen sich im Braun der Masse auf, dominiert nur von den roten Hakenkreuzfahnen. Bis 1937 fand auf dem von Albert Speer entworfenen Festplatz am Bückeberg die dritte große Massenveranstaltung im nationalsozialistischen Festkalender statt (neben dem Tag der Arbeit und Berlin und dem Reichsparteitag in Nürnberg). Hundertausende Menschen wurden in Sonderzügen zu dieser Selbstinszenierung des NS-Regimes ins Weserbergland transportiert, bis man die logistischen Mittel 1938 benötigte, um Soldaten zur Besetzung der Sudetengebiete nach Osten zu verlegen. Über den künftigen Umgang mit dem Gelände, das seit 2010 unter Denkmalschutz steht, wird derzeit in der Region kontrovers debattiert.

Nach 1945 widmete sich Riege weiterhin dem Holzschnitt und der Landschaftsmalerei. Unter anderem trug er mit seinen Illustrationen zu zahlreichen Publikationen über die Weserregion bei. Eine Distanzierung von der NS-Zeit sucht man leider vergebens – noch 1953 schreibt er im ›Kleine[n] Weserlexikon über das Reichserntedankfest:

»Abgesehen von allem Für [!] und Wider muß der Chronist erzählen, daß die Ansammlung von vielen Hunderttausenden ein ungeheuerlich fesselndes Bild ergab.«

Dr. Charlotte Kurbjuhn, vertritt zurzeit eine Professur am Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Kabinett-Ausstellung »Rudolf Riege. Der vergessene Bauhaus-Schüler« im Museum Hameln wird noch bis zum 27. Mai 2018 gezeigt. Ein Beitrag der Kuratorin Dr. Silke Köhn im Hamelner Jahrbuch 2017 informiert über den Maler und die Exponate, der obige Beitrag stützt sich teilweise auf diese Darstellung.

Zur Ausstellung »Rudolf Riege. Der vergessene Bauhaus-Schüler«

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