Arthur Goldschmidt 1950. © Privatbesitz

Von dem Exlibris ausgehend konnte die Geschichte Arthur Goldschmidts und seiner Almanach-Sammlung rekonstruiert werden. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den etwa 2.000 Bänden um NS-Raubgut handelt. © Klassik Stiftung Weimar

Brief von Hans Wahl, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, an den Verwaltungsausschuss des Archivs über den Erwerb der Almanach-Sammlung Arthur Goldschmidts, 18. März 1936. © Klassik Stiftung Weimar

Der Fall Arthur Goldschmidt

Der Fall Goldschmidt ist einer der größten Restitutionsfälle im deutschen Bibliothekswesen. Die Weimarer Provenienzforscher haben rekonstruiert, unter welchen Umständen der passionierte Sammler Arthur Goldschmidt Teile seiner 40.000 Bände umfassenden Bibliothek an das Goethe- und Schiller-Archiv verkaufte.

Im Zuge ihrer Recherchen in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek stoßen die Forscher auf Bücherexemplare mit dem Exlibris

»Aus der Bücherei Arthur Goldschmidt – Almanache 1750-1850«.

Der eingeklebte Vermerk weist auf einen privaten Vorbesitzer hin – die Historiker beginnen, die Geschichte Arthur Goldschmidts und seiner Bücher zu rekonstruieren.

Von dem Exlibris ausgehend konnte die Geschichte Arthur Goldschmidts und seiner Almanach-Sammlung rekonstruiert werden. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den etwa 2.000 Bänden um NS-Raubgut handelt. © Klassik Stiftung Weimar

Von dem Exlibris ausgehend konnte die Geschichte Arthur Goldschmidts und seiner Almanach-Sammlung rekonstruiert werden. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den etwa 2.000 Bänden um NS-Raubgut handelt. © Klassik Stiftung Weimar

Arthur Goldschmidt wurde 1883 in Leipzig geboren, seine Familie war jüdischer Herkunft. Wie schon sein Vater wird er Kaufmann.

Als leidenschaftlicher Büchersammler baute Goldschmidt über die Jahre eine 40.000 Bände umfassende Bibliothek auf, die ein eigens angestellter Bibliothekar erschloss und pflegte.

Ein Schwerpunkt der Sammlung sind literarische Jahrbücher, sogenannte Almanache: Etwa 2.000 Exemplare dieser teils seltenen und sehr wertvollen Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert trug Goldschmidt zusammen. 1932 veröffentlichte er ein Buch über »Goethe im Almanach«.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Arthur Goldschmidt dessen Unternehmen – einen Futtermittelhandel. Doch unter dem ab 1933 herrschenden Regime der Nationalsozialisten änderten sich die Bedingungen in der Agrarwirtschaft:

Neu erlassene Regelungen setzen die Preise fest und schränken den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen stark ein.

Diese Maßnahmen dienten der »Gleichschaltung« der Bauernschaft und der Verdrängung jüdischer Unternehmer aus dem landwirtschaftlichen Handel.

Bald reichten Arthur Goldschmidts Umsätze nicht mehr aus, die Unkosten zu decken und seine Familie zu unterhalten.

Brief von Hans Wahl, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, an den Verwaltungsausschuss des Archivs über den Erwerb der Almanach-Sammlung Arthur Goldschmidts, 18. März 1936. © Klassik Stiftung Weimar

Brief von Hans Wahl, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, an den Verwaltungsausschuss des Archivs über den Erwerb der Almanach-Sammlung Arthur Goldschmidts, 18. März 1936. © Klassik Stiftung Weimar

1935 sah sich Goldschmidt gezwungen, seine Bibliothek zu verkaufen und bot dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar seine Almanach-Sammlung an.

Es kam zu langwierigen Verhandlungen über den Preis. Hans Wahl, damaliger Archivdirektor, fasste die Vorgänge in einem Brief vom 18. März 1936 an den Verwaltungsausschuss des Archivs zusammen:

»Weitere Verhandlungen mit Herrn Goldschmidt wurden unmöglich, da dieser sich einen Preis von M 15 000 gedacht hatte und wir nur 2 000.-M aus unseren Reservemitteln hätten anbieten können.

Herr Goldschmidt hat mehrere Versuche gemacht, die Sammlung an öffentliche Institute zu bringen, ist jedoch nicht nur an dem gedachten Preis gescheitert, sondern auch daran, daß eine so hohe Summe nur mit besonderen Zuwendungen des Reichs gezahlt werden könnte, diese aber nicht zu erwarten waren, vielleicht deshalb, weil Herr Goldschmidt natürlich Jude ist.«

Wahl machte auch deutlich, wie sehr das Archiv von dieser Sachlage profitierte:

»Unter diesen Umständen ist die Erwerbung eine ausserordentlich günstige Angelegenheit und eine sehr erwünschte Ergänzung der geringen Almanach-Bestände des Archivs.«

Für lediglich 2.000 Reichsmark verkaufte Arthur Goldschmidt schließlich im Jahr 1936. Seine Almanach-Sammlung sowie der von ihm selbst angefertigte, zugehörige Zettelkatalog, gingen an das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Im Dezember desselben Jahres muss er seine Firma schließen.

Arthur Goldschmidt 1950. © Privatbesitz

Arthur Goldschmidt 1950. © Privatbesitz

Als Briefmarkengroßhändler versuchte Goldschmidt, im nationalsozialistischen Deutschland erneut wirtschaftlich Fuß zu fassen. Doch seine Bemühungen scheiterten.

Im November 1939 flohen Arthur Goldschmidt und seine Frau Henriette aus Leipzig über Genua nach Südamerika. Verarmt starb er 1951 in Bolivien.

Seine Almanach-Sammlung gelangte 1954/55 aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in eine der Vorgängerinstitutionen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

2006 können die Provenienzforscher Erben Arthur Goldschmidts ausfindig machen. 2007 folgen die Nachkommen der Einladung nach Weimar, wo sie Bibliothek und Sammlung besichtigen.

Zwei Jahre später haben Erben und Stiftung eine gemeinsame Lösung gefunden: Die Sammlung soll in Weimar verbleiben.

Nachdem der Wert der Sammlung ermittelt ist, erwirbt die Stiftung Goldschmidts Almanache und ist damit heute rechtmäßiger Besitzer.

Die Mobile Vitrine mit dem Fall des NS-verfolgungsbedingten Entzugs der Almanach-Sammlung Arthur Goldschmidts ist bis Ende April 2017 im Foyer des Goethe- und Schiller-Archivs zu sehen.

Zur Reihe »NS-Raubgut in der Klassik Stiftung Weimar«

In den Beständen der Klassik Stiftung Weimar befinden sich unrechtmäßig erworbene Kulturgüter. Seit 2010 sucht die Stiftung systematisch nach NS-Raubgut in ihren Beständen und strebt gemeinsam mit den Verfolgten oder deren Erben faire und gerechte Lösungen an. 2011 hat die Stiftung diese Aufgabe in ihr Leitbild aufgenommen.

In mehreren Fällen konnten als Raubgut identifizierte Objekte an die Erben der einstigen Besitzer zurückgegeben werden. Seit November 2015 ist die Mobile Vitrine auf Wanderschaft durch die Foyers der Häuser und stellt besonders interessante Einzelfälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern vor.

Am jeweiligen Standort, der alle drei Monate wechselt, informiert die Vitrine auch über die Verfolgungsschicksale der früheren Eigentümer.

Zu jedem Fall wird zudem ein Blogbeitrag veröffentlicht.

Romy Langeheine

Romy Langeheine studierte Jüdische Geschichte und Linguistik an der Universität Erfurt, der FU Berlin und an der University of Sussex. Ihre Promotion über den Nationalismusforscher Hans Kohn erschien 2013 im Göttinger Wallstein Verlag. Romy Langeheine arbeitet als selbstständige Kuratorin und Lektorin in Jena.

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