Am Sprudelbrunnen in Karlsbad. Kolorierte Aquatintaradierung, Eduard Gurk, um 1830, Klassik Stiftung Weimar

Vorderseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Rückseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Goethes Brief an seine Gattin, 16. Mai 1808, Klassik Stiftung Weimar

Goethes Reisepass von 1808

Ein besonderes Dokument ist derzeit in der Ausstellung „Schätze des Goethe- und Schiller-Archivs“ in Weimar zu sehen: Goethes Reisepass, mit dem der Dichter eine Badereise nach Karlsbad antrat.

Am 10. Mai 1808 ließ sich Johann Wolfgang von Goethe in Weimar einen Reisepass ausstellen, denn er beabsichtigte, nach Karlsbad zu reisen. Dieses Dokument hat sich im umfangreichen und gut sortierten Archiv des Dichters erhalten. Je nach ausstellender Instanz fielen Reisepässe recht unterschiedlich aus. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein einzelnes Blatt – einen offiziellen Vordruck in deutscher und französischer Sprache. Mit seinen Maßen von 34 cm Höhe und 42 cm Breite erscheint das Papier nicht gerade handlich, weshalb es mehrfach auf ein praktisches Kleinformat gefaltet worden war. Das mit handschriftlichen Angaben zum Geheimrat ausgefüllte Formular trägt die Unterschrift des Weimarer Landespolizeipräsidenten Carl Wilhelm von Fritsch und das Siegel vom „HERZOGL. S. LANDES POLICEY COLLEGIUM“. Auch Goethe unterzeichnete eigenhändig – auf Deutsch und Französisch.

Auf der Vorderseite des Passes ist unten links der Einreisevermerk des „K.K. Grenzamtes Oberschönbach“ vom 14. Mai 1808 zu erkennen. Aus derartigen Sichtvermerken beim sogenannten „Visieren“ des Reisepasses entwickelte sich später das Visum, wie es heute als Einreise-, Durchreise- oder Aufenthaltsgenehmigung in manchen Ländern üblich ist.

Vorderseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Vorderseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Anders als gegenwärtig hatten Pässe damals weniger etwas mit der Staatsangehörigkeit zu tun, sie waren eher Reisedokumente und bestätigten, dass der oder die Betreffende die Erlaubnis des Heimatstaates für diese eine Reise besaß. Zielort und Gültigkeitsdauer waren genau festgelegt. Vor allem aber bescheinigten sie die Identität einer Person. Der vorliegende Ausweis steht exemplarisch für das sich entwickelnde moderne Passwesen, denn solche zweisprachig gedruckten Formblätter nach französischem Vorbild wurden damals in ähnlicher Form von einigen deutschen und europäischen Staaten verwendet. In zwei Randspalten sieht das Formular eine recht ausführliche Personenbeschreibung vor. So wird der 57-jährige Geheimrat (eigentlich ist er zu diesem Zeitpunkt bereits 58 Jahre alt) als „5 Schuh und 8 Zoll“ groß beschrieben, was zirka 1,60 m entspricht. An dieser Stelle ist anzumerken, dass in der Fachliteratur die Angaben zu Goethes Körpergröße schwanken. Ob die auf dem Reisepass angegebene Größe durch tatsächliche Messung oder lediglich durch ungefähre Schätzung zustande kam, muss offen bleiben. Weiter heißt es im Reisepass, Goethe habe „braunes“ Haar und eine „hohe“ Stirn, sein Gesicht sei „bräunlich“ und „vollkommen“, Mund und Nase „ausgezeichnet“.

Von den über zwanzig Badereisen, die Goethe zwischen 1785 und 1823 unternahm, führten die meisten in die böhmischen Bäder. Die Stadt Karlsbad (heute Karlovy Vary), die er wegen verschiedener Leiden aufsuchte, lag ihm dabei besonders am Herzen, und 1808 kam er bereits zum sechsten Mal hierher. Die Anreise war strapaziös. In Begleitung seines Sekretärs Friedrich Wilhelm Riemer und seines Dieners Johann David Eisfeld brach Goethe am 12. Mai 1808 in Weimar auf. Über Jena und Kahla ging es zunächst nach Pößneck, wo Nachtquartier bezogen wurde. Am nächsten Tag führte die Reise über Schleiz nach Hof mit Übernachtung im „Brandenburgschen Gasthofe“. Den 14. Mai gelangte man über Asch nach Franzensbad und am 15. Mai erreichte der Dichter mit seiner Gesellschaft schließlich abends das Ziel.

Tags darauf schrieb Goethe nach Hause an seine Frau Christiane:

„[…] Wir sind glücklich in Carlsbad angekommen. Der Weg war schlecht und weil der Wagen vorn aufsitzt die Fahrt mitunter sehr beschwerlich. Wegen der Rückkehr muß andrer Rath geschafft werden. Das Wetter war im Ganzen gut mit untermischten Regenschauern. Unsre Wirthsleute haben die Zimmer malen lassen, so daß sie ganz munter aussehen. Die Bäume und Blüthen sind gegen bey uns etwa um 14 Tage zurück; doch treibt alles mit Macht und die Witterung ist sehr angenehm. Ich habe schon heute angefangen den Brunnen zu trinken und befinde mich sehr wohl.“

Mit dem Brief schickte Goethe

„zwey Kistchen, jedes mit 20 kleinen Flaschen Egerwasser mit. Da es so frisch ankommt, so wird es dir vortrefflich schmecken und wohl bekommen. Ich hätte gewünscht dir ein Glas vom Brunnen selbst zu reichen. […]“

Goethes Brief an seine Gattin, 16. Mai 1808, Klassik Stiftung Weimar

Goethes Brief an seine Gattin, 16. Mai 1808, Klassik Stiftung Weimar

Das Karlsbader Quartier, das die Wirtin Luzia Heilingötter gerade hatte renovieren lassen, war wie schon in den beiden Vorjahren das Haus „Zu den drei Mohren“ am Markt.

Oft weilte Goethe am „Sprudel“ – einem am linken Ufer des Flusses Teplá gelegenen berühmten Geysir, dessen heiße Fontäne bis zu 12 Meter empor schießt. 1808 kam es zu einer Überschemmung, worüber Goethe am 3. Juni seinem Sohn August ausführlich per Brief berichtete:

„[…] Der Sprudel jedoch nimmt sich gegen die herbeyeilenden Gäste nicht zum höflichsten und macht im Gegentheil denen zu diesem Amte bestellten Bauherrn viele Händel; nicht allein, daß er an der Stelle, wo du den Ausbruch vorm Jahre sahst, aus dem Flusse selbst noch stark hervorquillt, so hat er sich auch unter der Sprudelbrücke nach dem Gäßchen zu das auf den Markt führt, unter den freylich durch die Länge der Zeit verfaulten Brettern und Balken, gewaltsam hervorgewühlt und man ist mit Sandsäcken, Moos, Balken, Keilen, Steinen, Klammern und sonst beschäftigt ihn wieder zum schweigen zu bringen. An seiner eigenen Stelle sprudelt er gegenwärtig nicht hoch; doch giebt er immer noch Wasser genug. […]“

Am Sprudelbrunnen in Karlsbad. Kolorierte Aquatintaradierung, Eduard Gurk, um 1830, Klassik Stiftung Weimar

Am Sprudelbrunnen in Karlsbad. Kolorierte Aquatintaradierung, Eduard Gurk, um 1830, Klassik Stiftung Weimar

Während seines Kuraufenthaltes nahm der Dichter heilsame Bäder und trank Wasser von den mineralischen Quellen, beispielsweise am „Neubrunnen“ und am „Schloßbrunnen“. Man trank damals 20 bis 30 Becher täglich. Hier ließ er es sich „wohl seyn“ und fand „Zeit allerley zu überdencken“, wie er am 29. Mai seiner Gattin schrieb. Doch die Bäderreise diente nicht nur Erholungszwecken. Neben den Kuranwendungen arbeitete Goethe im Karlsbader Sommer 1808 unter anderem an den „Wahlverwandtschaften“, deren Kapitel er vormittags seinem Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer diktierte. Außerdem widmete er sich mitgebrachter Lektüre und beantwortete Briefe, die ihn in Karlsbad erreichten.

Auf zahlreichen Ausflügen erkundete Goethe die Umgebung, betrieb geologische und botanische Studien oder zeichnete Landschaften. Karlsbad war im 18. Jahrhundert zu einem europaweit gefragten Kurort aufgestiegen und unterhielt seine Kurgäste mit Bällen, Konzerten und Theatervorstellungen, die manchmal auch Goethe besuchte.

Vom 9. bis 21. Juli weilte Goethe in Franzensbad, wo er seine Kur fortsetzte und häufig den Kammerberg bestieg. Diese naturwissenschaftlichen Erkundungen verarbeitete er im Aufsatz „Der Kammerberg bei Eger“. Ab dem 22. Juli genoss der Geheimrat wieder die Kur in Karlsbad.

Seinen 59. Geburtstag verbrachte der Dichter mit Arbeiten an den „Wahlverwandschaften“, mit Besuchen und Spaziergängen. Außerdem traf er Vorbereitungen für einen erneuten Abstecher nach Franzensbad und vermerkte im Tagebuch: „bey Herrn von Hoch wegen der Pässe“. Joseph von Hoch  arbeitete bei der Karlsbader Kur-Inspektion, die als Polizeibehörde auch für die Pässe der ausländischen Kurgäste zuständig zeichnete, und verlängerte am 29. August 1808 Goethes Reisepass auf der Rückseite des Dokuments:

„Nachdem der Hr. Geheime Rath von Göthe seiner Gesundheit wegen sich seit dem 15 May l.[aufenden] J.[ahres] hier aufgehalten hat, auch nun noch einige Zeit in Franzensbrunn zu verweilen gedenkt, so wird gegenwärtiger Paß zu diesem Ende auf zwey Monate erneuert und verlängert.“

Rückseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Rückseite des Reisepasses von 1808, Klassik Stiftung Weimar

Ab 30. August war Goethe erneut in Franzensbad zu Gast, bevor er am 12. September gegen 6 Uhr morgens die Heimreise antrat. Ganze 17 Wochen dauerte Goethes Badesommer 1808, inklusive der Abstecher nach Franzensbad. Am 17. September kam Goethe wieder in Weimar an.

Die Ausstellung „Schätze des Goethe- und Schiller-Archivs – Folge V: Rund um Jubiläen“ zeigt noch bis 7. April im Goethe- und Schiller-Archiv neben Schriftstücken u.a. von Clara Schumann, Bettina von Arnim, August von Kotzebue und Theodor Fontane einen Brief von Wassily Kandinsky und ein Tagebuch Paul Dobes.

2 Kommentare

  • Vielen Dank für den schönen und aufschlussreichen Artikel! Es würde mich sehr interessieren, ob das hier vorgestellte Reisedokument Goethes für seine Bäderreise im Sommer 1808 der einzige Pass ist, der von den vielen Reisen Goethes erhalten geblieben ist? Ich fand es immer so erstaunlich, dass so wenige Pässe in Nachlässen zu finden sind, selbst im Falle viel reisender Virtuosen. Auch von Clara Schumann hat sich kein Reisepass erhalten, jedenfalls nach bisherigem Kenntnisstand. Das ist umso erstaunlicher, da man andererseits weiß, dass für jede Reise ein Pass nötig war, und allein im heutigen Deutschland viele territoriale Grenzen das selbst bei kurzen Fahrten nötig machten, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts von Bonn nach Frankfurt, wo die Grenze zwischen Preussen und Hessen dazwischen lag …

    Ingrid Bodsch -
    • Sehr geehrte Frau Bodsch,

      haben Sie zunächst recht herzlichen Dank für Ihr positives Feedback auf meinen Blog-Beitrag. Inzwischen bin ich aus meinem Urlaub zurück und möchte Ihnen gern auf Ihre Fragen antworten.
      Tatsächlich haben sich in Goethes Nachlass außer dem von mir behandelten Dokument noch einige weitere Reisepässe erhalten. Das „berühmteste“ Beispiel ist sein italienischer Reisepass von 1787, der Goethes fast zweijährige Italienreise symbolisiert und als Faksimile in der Ausstellung „Lebensfluten – Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum ausgestellt ist. Auch in anderen, hier im GSA verwahrten Nachlässen finden sich Reisepässe. Darunter sei unter anderem der Reisepass von Franz Liszt erwähnt, ausgestellt in Wien am 19. Mai 1846.
      Wie Sie richtig bemerkten, haben sich nicht alle Reisepässe der Bestandsbildner in den einschlägigen Nachlässen erhalten. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass solche Reisepapiere als flüchtiges Medium nach ihrem Gebrauch/nach der Reise ihren eigentlichen Zweck erfüllt hatten und den Bestandsbildnern wohl nicht als sonderlich aufbewahrenswürdig erschienen. Glücklicherweise gibt es aber doch den einen oder anderen Pass, der uns ein Stück Reisekultur sowie die Geschichte des Pass- und Meldewesens näher bringt.
      Empfehlenswert ist dazu das Buch „Der Passexpedient: Geschichte der Reisepässe und Ausweisdokumente – vom Mittelalter bis zum Personalausweis im Scheckkartenformat“ von Andreas Reisen, Nomos Verlagsgesellschaft, 2012.

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen hiermit behilflich sein und stehe für Rückfragen gern zur Verfügung.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Gabriele Klunkert

      Klassik Stiftung Weimar -