Leander Russ, Vorweltliche Landschaften, 2. Periode (Guckkastenblatt), 1842, Aquarell, Albertina Wien

Gipsabdruck des vollständigen Skeletts eines Ornithocephalus (Pterodactylus), aus Goethes Sammlungen

Flugsaurier, aus Georges Cuvier, Recherches sur les ossemens fossiles, Band 5, Tafel XXIII, aus Goethes Bibliothek

Gipsabdruck des Schädels eines Ornithocephalus (Rhamphorhynchus), aus Goethes Sammlungen

Ornithocephalus (Pterodactylus), nach Thomas Samuel von Soemmerring, Federzeichnung, aus Goethes Sammlungen

Von rätselhaften „Flederechsen“

Das Aquarell „Vorweltliche Landschaften“ von Leander Russ aus dem Jahr 1842 zeigt eine dramatische Szene: Ein Plesiosaurier schießt aus dem Wasser, um mehrere kleine Flugsaurier zu erhaschen. Russ’ Bild ist eine gelungene Mischung aus Sachkenntnis und Fantasie. Es zeigt die Flugsaurier zugleich fliegend und laufend und greift so lange umstrittene Fragen auf: Was für eine seltsame Tiergruppe ist das und wie bewegte sie sich fort?

Auch Goethe interessierte sich für die rätselhaften „Flederechsen“, wie sie bei Russ heißen, und besaß Abgüsse von zwei Flugsaurier-Fossilien. Beantworten wollte er diese Fragen, über die es sehr unterschiedliche Auffassungen gab, nicht. Waren sie Zwischenformen von verschiedenen Tiergruppen oder etwas ganz Eigenes? Flugsaurier wurden wahlweise als Meeresvögel, Fledermäuse, fliegende Beuteltiere, Reptilien oder unspezifisch als Wassertiere gedeutet. Erschwerend kam hinzu, dass einige Beobachter wiederum Haare beziehungsweise Pelz und Mähne oder sogar Federn zu erkennen meinten. Aber auch die Existenz einer Flughaut war nicht unumstritten. Die schwer auszumachende Struktur wurde mitunter als Schwimmhaut gedeutet, der Saurier wurde damit zum Wassertier.

Gipsabdruck des vollständigen Skeletts eines Ornithocephalus (Pterodactylus), aus Goethes Sammlungen

Gipsabdruck des vollständigen Skeletts eines Ornithocephalus (Pterodactylus), aus Goethes Sammlungen

Flugsaurier galten als paradox, weil sie wie aus verschiedenen Tierklassen zusammengesetzt erschienen. Sie wurden lange vor den „missing links“ des Darwinismus als Mischformen oder Verbindungsglieder zwischen klar abgegrenzten Tiergruppen betrachtet. Als paradox galten sie zudem, weil sie aufgrund ihres Knochenbaus den Kriechtieren zugeordnet werden mussten und sich dennoch in die Lüfte erheben sollten. Dass Reptilien im Gegensatz zu den dem Boden verhafteten Schildkröten, Schlangen und Echsen auch fliegen konnten, schien kaum vorstellbar.

Goethe erhielt 1827 einen Gipsabguss von Fossilplatten aus Eichstädt und Solnhofen: den Abguss eines ganzen Skeletts und den eines Schädels. Beides hatte er sich von Samuel Thomas von Soemmerring erbeten. Er versuchte gezielt, Fossilien beziehungsweise deren Abgüsse von bedeutenden Fundstellen zu bekommen. Soemmerring verband den Flugsaurier mit den Flughunden der Gattung Pteropus, ließ also an seiner Einschätzung, das Fossil sei ein Säugetier, keinen Zweifel. Goethe schloss sich der Einschätzung Soemmerrings an. Dieser hatte die Fossilien als von der normalen Erscheinungsform abweichende Fledermäuse interpretiert.

Flugsaurier, aus Georges Cuvier, Recherches sur les ossemens fossiles, Band 5, Tafel XXIII, aus Goethes Bibliothek

Flugsaurier, aus Georges Cuvier, Recherches sur les ossemens fossiles, Band 5, Tafel XXIII, aus Goethes Bibliothek

 „Dieses Geschöpf ist für wahr, wie mehrere der urweltlichen Thiere, sinnverwirrend, man weiß nicht gleich was sie mit ihren Gliedern anfangen sollten; so hier, was der verlängerte Finger soll?“,

schrieb Goethe an Soemmerring. Seinem in der vergleichenden Anatomie geschulten Auge fiel der eigenartig lange Finger auf: Während Fledermäuse ihre Flughäute mit verlängerten vier Fingern abspreizen und den übrigen kurzen zum Festhalten verwenden, besitzt der Pterodactylus nur einen langen Flugfinger, drei andere sind stark verkürzt.

Ornithocephalus (Pterodactylus), nach Thomas Samuel von Soemmerring, Federzeichnung, aus Goethes Sammlungen

Ornithocephalus (Pterodactylus), nach Thomas Samuel von Soemmerring, Federzeichnung, aus Goethes Sammlungen

Noch zu Goethes Lebzeiten wurden weitere Flugsaurier entdeckt. Mary Anning fand 1828 an der Jurassic Coast in Dorset das erste britische Exemplar der Tiergruppe. Für den Geologen William Buckland, der den Fund wissenschaftlich bearbeitete, war das Tier „[the] most rare and curious [species] of all reptiles [. . .] in short, a monster resembling nothing that has ever been seen or heard of upon earth, excepting the dragons of romance and heraldry“. Buckland, der auch mit Goethe in Kontakt stand, zitierte John Miltons „Paradise Lost“, um die rätselhafte Natur zu charakterisieren: Dabei wird zum Vergleich (hier in der Prosaübersetzung Johann Jakob Bodmers wiedergegeben) der verschlagene „Fiend“, der Menschenfeind schlechthin, aufgerufen, der über viele Techniken verfügt, sich fortzubewegen:

„[S]o eifrig verfolgte der Erzteufel seinen Weg über Sümpfe und Klippen, durch ebenes und steiles, truckenes und feuchtes, mit Kopf, Händen, Fittigen, und Füssen, und schwimmt, oder sincket, oder watet, oder kriecht, oder fliegt.“

Wieder waren es die unterschiedlichen Fortbewegungsarten dieser verteufelt schwierigen Tiergruppe, die verblüfften und verwirrten.

Zur Ausstellung „Abenteuer der Vernunft”

Bis zum 5. Januar 2020 präsentieren wir erstmalig Goethes umfassende naturwissenschaftliche Sammlung. Zwischen den Diskursen der sich formierenden Naturwissenschaften um 1800 und heutigen Fragestellungen entwickelt sich ein spannungsreicher Themenparcours mit innovativen Medienstationen.
Dieser Blogbeitrag ist eine Kurzform des Texts „Goethes Flugsaurier“ von Thomas Schmuck aus dem Katalog zur Ausstellung „Abenteuer der Vernunft – Goethe und die Naturwissenschaften um 1800“, herausgegeben von Kristin Knebel, Gisela Maul und Thomas Schmuck, erschienen beim Sandstein Verlag.

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