Preller d. Ä., Friedrich: Eisfahrt auf den Schwanseewiesen, 1824

Goethe und die Götter auf dem Eis

von Marisa Quilitz

Goethe hatte viele Leidenschaften – er war Dichter, Reisender, Politiker, Mineraloge, Botaniker und Wetterforscher. Aber Goethe als Sportler? So kennen ihn die wenigsten.

Johann Wolfgang von Goethe war ein leidenschaftlicher Schlittschuhläufer. Das belegen zahlreiche Briefe, Notizen, Prosa-Sequenzen und Gedichte. Im Winter konnten er und seine Freunde nicht genug kriegen vom Eis: „Einen herrlichen Sonntag auf dem Eis zu verbringen, genügte uns nicht; wir setzten unsere Bewegung bis spät in die Nacht fort.“

Obendrein schärfte das Eislaufen sein Selbstbewusstsein. Noch in Frankfurt schrieb Goethe an einem Februartag in sein Tagebuch: „Diese Woche viel auf dem Eis, in immer gleicher fast zu reiner Stimmung. Schöne Aufklärung über mich selbst … Vorahndung der Weisheit.”

Selbst seinen Freund Friedrich Schiller vertröstete er in einem Brief vom 5. Dezember 1796: „Eine sehr schöne Eisbahn bei dem herrlichen Wetter hat mich abgehalten Ihnen diese Tage zu schreiben und ich sage Ihnen noch an diesem Abend eines sehr heiteren Tages einige Worte.“

Mit Eislauf-Oden auf den Lippen

Goethe lernte das Eislaufen durch Friedrich Gottlieb Klopstock: „Diese neue frohe Tätigkeit waren wir denn auch Klopstocken schuldig, seinem Enthusiasmus für diese glückliche Bewegung“. So sei der junge Goethe sogar mit den Versen von Klopstocks Eislauf-Oden auf den Lippen zum Schlittschuhlauf gestürmt.

Ludwig Pietsch: Goethe auf dem Eise, 1899

Bei einem Treffen belehrte Klopstock ihn, dass die Übung eigentlich „Schrittschuhlaufen“ heiße. Es „komme keineswegs von Schlitten, als wenn man auf kleinen Kufen dahin führe, sondern von Schreiten, indem man, den homerschen Göttern gleich, auf diesen geflügelten Sohlen über das zum Boden gewordene Meer hinschritte”.

Vom Schrittschuh zum Schlittschuh

Goethe verwendete häufig das Wort „Schrittschuh“. Ursprünglich kommt es von der isländischen Bezeichnung „skrida a isleggjum“, was „schreiten auf dem Eis“ bedeutet. Noch im Mittelalter hieß der Schlittschuh „schritschuoch“. Er wurde erst im 17. Jahrhundert in Anlehnung an Schlitten in Schlittschuh umbenannt.

Das Wissen über diese Bedeutung ließ Goethe dichterisch in göttliche Sphären gleiten. So schrieb er am 5. Februar 1773 an Johann Christian Kestner, dem Bräutigam von Charlotte Buff: „Es grüsen euch meine Götter. Namentlich der schöne Paris hier zur rechten, die goldne Venus dort und der Bote Merkurius, der Freude an der schnellen, und mir gestern unter die Füse band seine göttlichen Solen die schönen, goldnen, die ihn tragen über das unfruchtbare Meer und die unendliche Erde mit dem Hauche des Windes.“

Goethe beschrieb auch das Aussehen seiner Schrittschuhe. Klopstock habe ihm niedrige, breite, flachgeschliffene, friesländische Stähle empfohlen, „als welche zum Schnelllaufen die dienlichsten seien. Ich schaffte mir nach seinem Gebot so ein paar Schuhe mit langen Schnäbeln an, und habe solche, obschon mit einiger Unbequemlichkeit, viele Jahre geführt.“

„Der Eislauf oder das Schrittschuhfahren“. Hrsg. Christian Siegmund Zindel, 1825

Der Weimarer Hof im Eislauf-Fieber

Auf Einladung des jungen Herzogs Carl August kam der von den Göttern besohlte Goethe 1775 an den Weimarer Hof. Er brachte seine Schrittschuhe mit und steckte die Mitglieder des Hofes, samt Herzog, schnell mit seiner Begeisterung fürs Eislaufen an.

Es entwickelte sich ein fröhlicher Eisbetrieb. Die feine Gesellschaft lief hauptsächlich auf dem Teich im Baumgarten, dem heutigen Weimarhallenpark, über das Eis. Währenddessen feierten sie Feste und Maskeraden – abends beleuchteten Fackeln die Eisbahn.

Der Teich gehörte zum Grundstück der Familie Bertuch, die ihn für dieses Vergnügen gerne zur Verfügung stellte. Als Gelände nutzten die Eisläufer auch die an den Baumgarten anschließenden Schwansee-Wiesen, die unter Wasser gesetzt wurden.

Eislaufen auf der Ilm

Auch Charlotte von Stein ging mit dem drängenden Goethe aufs Eis. Die beiden liefen nicht nur im Baumgarten und auf den Schwanseewiesen, sondern auch auf der Ilm. So schrieb er im Winter 1781 in einem Brief an sie: „Es ist entsetzlich kalt. Wenn Sie auf der Ilm fahren wollen, es wird Bahn gekehrt. Thun Sies um der Seltenheit willen.“

Als Charlotte von Stein einmal ohne Goethe eislief, reagierte er in einem Brief vom 18. Januar 1781 eifersüchtig und trotzig: „Es ist nicht hübsch, daß Sie sich mir endlich nähern ohne mich dazu zu nehmen. […] Adieu wenn ich den duncklen Vorstellungen recht ihre Gewalt lasse, so komme ich auch nach Tische nicht auf die Bahn.“

28 Jahre lang genoss Goethe das Eislaufen. 1772 erwähnte er erstmals sein “göttliches Schreiten” in seiner Heimatstadt Frankfurt, im Jahr 1800 bekannte er eher lustlos: „bereden lassen, die Eisbahn zu besuchen.“

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