Adresse eines gerastelten Briefes, den Zelter am 15. Oktober 1831 aus Berlin nach Weimar zu Goethe schickte. Der deutlich erkennbare Sanitätsstempel vom Berliner Hofpostamt bezeugt, dass der Brief desinfiziert wurde. Die Berliner Cholera-Sanitätsstempel gelten unter den Philatelisten als gesuchte Raritäten.

Rastel zum Durchlöchern von Briefen. Zangenförmiges Instrument aus Metall, eine Seite mit mehreren Dornen, die andere mit passgenauen Löchern versehen. Abb. mit freundlicher Genehmigung des Museums für Kommunikation, Frankfurt/Main.

Geräucherte Post: Wie Briefe in Zeiten von Cholera desinfiziert wurden

Typhus, Pest, Cholera: Seuchen begleiten die Menschen seit Jahrhunderten. Zu allen Zeiten versuchten sie, sich vor ihnen zu schützen und ihre Ausbreitung einzudämmen. So wurden beispielsweise Briefe aufwendig geräuchert.

Ab 1817 eroberte eine schreckliche Seuche neue Gebiete – die Cholera. Ausgehend von Indien erreichte sie 1828 den Ural, von wo aus sie sich entlang der Handelswege über ganz Europa verbreitete. Diese damals für die europäischen Länder neue verheerende Krankheit sollte nach einer ersten Welle 1830/32 in weiteren fünf pandemischen Wellen bis 1899 immer wiederkehren.

Von der Erkrankung bis zum Tod vergeht bei dieser tückischen Seuche oft nur wenig Zeit. Unbehandelt endet Cholera in nahezu der Hälfte der Fälle tödlich. Die hohe Sterblichkeitsrate versetzte die Europäer in Angst und Schrecken.

Unheimlich schnell breitete sich die Seuche aus und erreichte während der ersten Welle Moskau (September 1830), Polen (April 1831), Berlin (August 1831), Hamburg (Oktober 1831), London (Februar 1832) und Paris (März 1832). Allein in Preußen fielen in den beiden Cholerajahren 1831 und 1832 etwa 41.000 Menschen der Epidemie zum Opfer. Wo immer die Cholera auftauchte, traf sie auf eine unvorbereitete Bevölkerung und auf eine Wissenschaft, die bei der Ursachenforschung für geraume Zeit im Dunkeln tappte.

Links: Gesicht eines Cholerakranken: Eingesunkene Augen und Wangen, bläuliche Verfärbung und Faltenbildung der Haut durch Dehydrierung (aus Robert Froriep: Symptome der asiatischen Cholera, 1832). Rechts: Regelwerk zum Umgang mit der gefährlichen Infektionskrankheit (1832).

Ursachen blieben lange unerkannt

Das epidemische Auftreten solcher Krankheiten ging fast immer mit den schlechten hygienischen Verhältnissen eng beieinander lebender Menschen einher. Doch den Zusammenhang mit der mangelhaften Wasserversorgung und den größeren Cholera-Ausbrüchen vor allem in den Elendsvierteln der Großstädte verkannte man lange.

Heute wissen wir, dass die Krankheit durch das Bakterium „Vibrio cholerae“ hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt meist über verunreinigtes Trinkwasser, seltener über verseuchte Nahrungsmittel. 1883 wurde das Bakterium von Robert Koch entdeckt, doch gebührt ihm dieser Ruhm nicht allein. Bereits 1854 hatte der italienische Anatom Filippo Pacini den Erreger unter dem Mikroskop gesehen und beschrieben. Jedoch fand diese Arbeit damals kaum Beachtung.

Ähnlich verhielt es sich mit den Forschungsergebnissen des englischen Mediziners John Snow. Ihm war es ebenfalls 1854 gelungen, bei einer Epidemie in London durch die exakte Erfassung aller Todesfälle eine einzelne Wasserpumpe als Krankheitszentrum zu identifizieren. Damit war er dem Übertragungsweg der Cholera über das Trinkwasser auf die Spur gekommen, doch auch diese Entdeckung geriet schnell in Vergessenheit. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbesserten sich, bedingt durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Robert Koch und Louis Pasteur, die hygienischen Verhältnisse.

„Alle Briefe […] müssen behufs ihrer Reinigung geräuchert werden“

Doch zurück zur großen Cholera-Epidemie 1830/32, als weder Ursachen noch Gegenmittel bekannt waren. Intuitiv versuchte man damals, gesunde Gegenden durch gezielte Quarantäne-Maßnahmen abzugrenzen. Als weiteres Abwehrmittel gegen die Ausbreitung der Seuche galt das Räuchern von Briefen und Warensendungen. Dies geschah in der Annahme, dass das sogenannte „Contagium“ (der Ansteckungsstoff) auch durch Briefe, Pakete und sonstige Post verbreitet werden könnte.

Rastel (geschlossen und offen) zum Durchlöchern von Briefen. Abb. mit freundlicher Genehmigung des Dt. Apotheken Museums, Heidelberg.

Die genauen Anfänge der Briefräucherung sind nicht bekannt. Vermutlich liegen sie in den venezianischen Pestverordnungen des 14. Jahrhunderts. Später verbreitete sich das Verfahren über ganz Europa. Eine am 1. Juni 1831 verabschiedete Verordnung des Preußischen Ministeriums des Innern und der Polizei enthält exakte Anweisungen für die Behandlung verdächtiger Post an den Grenzen: „Alle Briefe und andere Papiere […] müssen behufs ihrer Reinigung geräuchert werden.“

Zum Verfahren der Räucherung heißt es: „Man bedient sich dazu eines hölzernen Kastens, welcher von unten nach oben in drei Teile geteilt ist. In dem obersten Drittel befindet sich ein Rost von Eisendraht, worauf die Briefe mit einer pincettenartigen Briefblattzange gelegt werden. Nachdem hierauf die obere Abteilung des Kastens durch einen genau schließenden Deckel wieder verschlossen ist, wird in das mittlere Fach eine Pfanne mit Essig und in das unterste eine Kohlenpfanne mit glühenden Kohlen und darauf gestreutem Räucherpulver (aus 1 Teil Schwefel, 1 Teil Salpeter und 2 Teilen Kleie bestehend) gesetzt.“

Diese preußische Vorschrift diente den meisten deutschen Verwaltungen als Muster für ihre eigenen Verordnungen. Zuständig für die Ausführung waren die Postbehörden. Das zeit- wie personalaufwändige Reinigen der Briefe mussten vor allem Postbedienstete leisten. An eigens eingerichteten Kontroll- und Desinfektionsstationen überwachten teilweise sogar bewaffnete Soldaten die Abwicklung der Reinigungsverfahren.

Bevor die Briefe, die nur mit Handschuhen oder Zangen angefasst werden durften, in den Räucherungskasten kamen, wurden sie durchlöchert, damit das Räucherwerk besser einziehen konnte. Dies geschah mit Pfriemen (einzelne Nadeln mit Holzgriff), Rasteln (Perforierzangen) oder komplizierteren Apparaten. Manchmal wurden choleraverdächtige Briefe auch mit Essig bespritzt oder durch Essig gezogen, was sich nicht selten ungünstig auf die Tinte auswirkte. Nach der ganzen Prozedur kennzeichnete man vielerorts die Sendungen mit speziellen Stempeln und Vermerken, etwa „Geräuchert“, „Gereinigt“ oder „Desinficirt“. Für den Empfänger war damit klar, dass der Brief bedenkenlos geöffnet werden konnte.

Links: Brief von Madame de Staël an Goethe (20. März 1805) mit deutlichen Spuren der Desinfektion vermutlich gegen Gelbfieber. Rechts: Durchlöcherter Desinfektionsbrief aus der Zeit der Cholera: Gerhard Wilhelm von Reutern an Goethe (Mai 1831).

Desinfizierte Briefe im Archiv

Auch in den Beständen des Goethe- und Schiller-Archivs haben sich desinfizierte Briefe überliefert. Vor allem in Goethes schriftlichem Nachlass weisen Befunde auf Seuchenschutzmaßnahmen an Briefen hin. So zeigt ein Schreiben, das Madame de Staël am 20. März 1805 aus Rom an Goethe nach Weimar schickte, eindeutige Spuren einer Rastelung. Die Desinfektionsmaßnahme zielte jedoch auf das damals grassierende Gelbfieber ab, das 1804 nach Europa eingeschleppt worden war.

Kräftig durchlöchert ist auch ein Brief, den der baltische Offizier und Maler Gerhard Wilhelm von Reutern im Mai 1831 nach Weimar an seinen Freund Goethe sandte. Inzwischen hatte die Cholera Europa fest im Griff. Die „Landes-Direction“ im kleinen Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gab schon kurz nach dem ersten Auftreten der Seuche in Europa „Instructionen“ über vorbeugende Maßnahmen, aber auch Verhaltensregeln für den Fall eines tatsächlichen Ausbruchs der Epidemie heraus.

Von den ersten Wellen blieb Weimar verschont, erst die dritte Pandemie von 1864 bis 1875 sollte auch hier zahlreiche Todesopfer fordern. Dennoch war die Seuche bereits in den 1830er Jahren in der Ilmstadt präsent: „bey Gelegenheit der Choleraanstalten aufgeregte Widerwärtigkeiten überwältigten fast das ganze Tischgespräch“, hält Goethe am 4. Februar 1832 in seinem Tagebuch fest. Der inzwischen greise Dichter, der die Themen Krankheit, Sterben und Tod tunlichst mied, scheute selbst den Namen der Seuche und umschrieb sie als „asiatisches Ungeheuer“ oder „unsichtbares, ungeheures Gespenst“.

Bedeutsame und erhaltenswerte Befunde

Im reichen Schriftwechsel zwischen ihm und seinem Freund, dem Musiker und Komponisten Carl Friedrich Zelter findet sich in der Eingangspost des Dichters eine Serie von neun Briefen, die Spuren der Cholera-Desinfektion aufweisen. Der erste Brief dieser Reihe stammt vom 1. September 1831, der letzte vom 27. Oktober 1831. Die Schriftstücke sind zerstochen, mit großer Sicherheit erfolgte diese Behandlung in einer der Desinfektionsstationen des Berliner Hofpostamtes. Einige der Briefe tragen außerdem einen Sanitätsstempel.

Derartige Behandlungsspuren stellen bedeutsame und erhaltenswerte Befunde dar. Sie gehören zur Geschichte des Objekts und dürfen bei etwaigen Restaurierungen auf keinen Fall beseitigt werden. Genau wie die Rasteln, Pfrieme und sonstigen Apparaturen zum Durchlöchern der Seuchenpost, die sich zum Beispiel in deutschen, schwedischen und italienischen Postmuseen erhalten haben, sind die zerstochenen Briefe wichtige Zeugnisse der Post- und Seuchengeschichte. Spezialisten der Kommunikationsgeschichte erforschen diese Befunde. Anhand von Größe, Anzahl und Mustern der Lochungen sowie der Stempel lassen sich in einigen Fällen die Orte der Briefdesinfektion exakt bestimmen.

Als 1832 die Cholera-Epidemie nachließ, wurden nach und nach die Quarantäne-Einrichtungen aufgelöst und Briefdesinfektionen immer seltener durchgeführt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse Briefdesinfektionen als nutzlos erwiesen hatten, weil Briefe die Cholerabakterien nicht übertragen, wurde die Räucherung von Postsendungen eingestellt.

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