»Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie ein Leimpolitur auf alten Möbeln.«

Georg Heym

Mobilmachung

Die Kriegsbefürworter bewegten sich in den letzten Friedensjahren des Kaiserreiches zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Zum einen war da der Chor der Nationalisten und Imperialisten, die stets aufs Neue die unabweisbaren Forderungen herunterbeteten, damit Deutschland eine seiner Bedeutung gemäße Machtposition und einen der Größe des Volkes entsprechenden Lebensraum erreichen konnte.

Zum andern artikulierte die literarische Moderne, der frühe Expressionismus, ein antibürgerliches Aufbegehren gegenüberkommene Normen, das auch vor der Feier des Krieges, der Apotheose von Kampf und Erneuerung, Virilität und Ekstase nicht zurückscheute.

Der epigonalen zeitgenössischen Lyrik von Waldesgrün und Lerchengesang setzten die Expressionisten grelle und heftige Bilder entgegen, kühne Wortkaskaden, lyrische Eruptionen, wilde Proteste gegen bourgeoise Langeweile und überlebte Traditionen.

In ihren Texten trafen sich kosmische Ekstase, Normalitätsüberdruss und Saturiertheitsekel. Am 6. Juli 1910 notierte der 22-jährige Georg Heym in seinem Tagebuch:

»Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterläßt. (…)

Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellt, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren. Oder sei es auch nur, daß man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein.

Dieser Frieden ist so faul ölig und schmierig wie ein Leimpolitur auf alten Möbeln. Was haben wir auch für eine jammervolle Regierung, einen Kaiser, der sich in jedem Zirkus als Harlekin sehen lassen könnte. Staatsmänner, die besser als Spucknapfhalter ihren Zweck erfüllten, denn als Männer, die das Vertrauen des Volkes tragen sollen.«

Am 16. Januar 1912, im Alter von 23 Jahren, ertrank Georg Heym – beim Schlittschuhlaufen in der Havel.

Zitiert nach Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges. Berlin 2013.