Helena Winkelman © Margrit Müller

Fünf Fragen an
Helena Winkelman

Helena Winkelman, geboren 1974, studierte Violine sowie Komposition. Ihr Werk umfasst vom Solo über Kammermusik bis zur Chor- und Orchesterkomposition alle Gattungen. Im Rahmen der vierzehnten Ausgabe des Festivals MelosLogos findet die Uraufführung ihres Werks »Canto 33« statt, einer Komposition über den letzten Gesang des »Paradiso« aus Dantes »Divina commedia«.

Mit »Viderunt« (»Sie haben gesehen«) beginnt Ihre Vertonung des 33. Gesangs aus Dantes »Paradiso«. Was hatten Sie zu Beginn Ihrer Komposition vor Augen? Was haben Sie gesehen?

Ich habe mich der Vertonung von zwei Seiten genähert: Da war einerseits ein genaues Textstudium, zum Teil mit zwei bis drei verschiedenen Übersetzungen, und dann andererseits die Resonanz des Textinhaltes mit eigener Erfahrung und Erkenntnis.

So wie auch Dante, einer der größten Universalgelehrten seiner Zeit, zuerst Philosophen des Altertums und Theologen des Mittelalters studierte und viel von deren Erkenntnissen assimilierte, bevor er die »Divina Commedia« schreiben konnte, so versuchte auch ich, Dantes dichtes Netz von Bezügen zu verstehen.

Dann jedoch kam bei Dante die eigene Vision, eine direkte Erkenntnis der geistigen Welt, die nicht auf gelerntem Wissen beruht.

Ein offener Leser spürt ohne das ganze Hintergrundwissen die seltsame Faszination einer ihm noch unbekannten Wahrheit.

In meinem Fall war es wie das Aufnehmen einer Witterung, die mich für diese Forschungsaufgabe begeisterte und die mit dem Intellekt allein niemals zu lösen war.

Für dieses Abenteuer war mir die Musik eine große Hilfe – Komponieren heißt für mich, alle emotionalen, körperlichen und geistigen Ressourcen zu fokussieren. In dieser Konzentration kann es geschehen, dass mir plötzlich die Musik, die entsteht, alles über den Text sagt und sich alle im Text angedeuteten Atmosphären entfalten und einen eigenständigen Sog entwickeln – die innere Realität wird plötzlich dreidimensional.

Was kann die Musik, was Sprache nicht kann?

Musik wird oft als die sublimste aller Künste bezeichnet – als diejenige, die der Welt der Objekte am weitesten enthoben ist. Für mich ist sie jedoch gleichzeitig die körperlichste von allen: Bewegung, Resonanz, Geste, Rhythmus, Gravitation, Atem. Musik beruht auf all diesen Aspekten unserer physischen Existenz.

Dantes letzter Gesang ist keine Predigt ewigen Heils, der Dichter ist während der ganzen Vision von einem großen Staunen gegenüber dem Unfassbaren erfasst und beklagt die Unzulänglichkeit der Sprache.

»Canto 33«, drei Instrumente auf der Bühne, drei Sängerinnen in je drei Stimmgruppen – warum ist die Zahl »3« für dieses Stück so bedeutend?

Dies hat natürlich mit der Dreifaltigkeit zu tun, obwohl im ganzen Text weder Gott, Christus noch der Heilige Geist erwähnt werden. Dafür sind es die Gnade Marias, das höchste Licht und die manifestierte Schöpfung – alle gebunden in Liebe.

Im Text findet sich die Dreiheit nicht nur in den drei konzentrischen Kreisen, in deren Zentrum Dante sein eigenes menschliches Antlitz erblickt, sondern auch in den drei Aspekten der Schöpfung:

In seiner Tiefe sah ich, dass zusammen
In einem Band mit Liebe eingebunden
All das, was sonst im Weltall sich entfaltet.
Die Wesenheiten, Zufall und ihr Walten
Sind miteinander gleichsam so verschmolzen,
Dass, was ich sage, nur ein einfach Leuchten.

Die Sehnsucht nach einer Erfahrung der höchsten Kraft – Gott, wenn man so will – ist heute wohl genauso verbreitet wie im Mittelalter. Die Wege sind jedoch andere. Die Idee einer Vision oder eines Gesichts ist heute schwerer nachzuvollziehen. »Es sei ja nur Imagination oder Phantasie« – wird gesagt – ohne innere (und daraus folgend äußere) Konsequenz. Diese Einschätzung zieht aber einen wichtigen Unterschied zwischen Imagination und Inspiration nicht in Betracht:

Imagination ist eine aktive Tätigkeit des Geistes, Inspiration dagegen eine rezeptive.

Darum ist am Anfang dieses Gesanges das Mariengebet so wichtig: Wirkliche Inspiration ohne Gnade ist schwer möglich. Vielleicht gibt es heute einen Widerstand gegen die Idee der Gnade, weil sie manchmal mit der herablassenden Haltung einer übergeordneten Instanz assoziiert wird, deren Hilfe man sich nur durch Unterwerfung versichern kann. Doch Dante macht in diesem Gesang ganz klar, dass dem nicht so ist:

So groß bist du, o Herrin, und so mächtig,
Dass, wer die Gnade sucht und dich nicht bittet,
Sich ohne Flügel nach dem Fluge sehnet.
Und deine Güte kommt nicht nur zu Hilfe
Dem, der da bittet, nein, gar viele Male
Ist sie der Bitte gern zuvorgekommen.

Warum endete Ihre ursprüngliche Vertonung aus dem Jahr 2007 nach genau 772 Takten?

Weil ich die Takte gezählt habe, um zu wissen, wie viel mir von der musikalischen Umsetzung damals gefehlt hat. Es war ziemlich genau ein Drittel. Ich war damals mit dem letzten Teil des Textes überfordert.

Von dem höchsten Licht hatte ich eine Vorstellung und auch von der gespannten Unbeweglichkeit, die mit der inneren Schau einhergeht. Schon Plotinus (2. Jahrhundert nach Christus) sprach von der Notwendigkeit, die Welt anzuhalten.

Doch dass sich in dem Licht die drei Kreise (durch Wandlung des Betrachters, Dantes selbst) zeigten, und dass darin Dante sein eigenes menschliches Antlitz erkannte – das konnte ich damals nicht verstehen. Das war wie eine Art spirituelle Heisenbergsche Unschärferelation, kombiniert mit einer Anspielung auf die biblische Aussage, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen habe.

Es war mir damals eine große Hilfe, zu lesen, dass Dante 14 Jahre brauchte, um die ganze »Divina Commedia« zu schreiben. So hatte auch ich Geduld.

Was hat dazu geführt, dass Sie das letzte Drittel des Textes dieses Jahr nun doch vertont haben?

Ich hatte 2013 eine Vision, die mir manches im Text verständlicher machte. Und ich hatte Zeit, darüber nachzudenken, wie ich das musikalisch umsetzen könnte. Dann kam das Dante-Jahr und die Einladung, das Werk während des MelosLogos Festivals uraufzuführen. Und so war der Zeitpunkt, das Werk zu beenden, richtig.

Es ist normalerweise sehr schwierig für Komponisten, ein altes Werk wieder aufzunehmen und zu beenden. Einfach war es tatsächlich nicht – doch da ich am Anfang der Arbeit davon ausgegangen war, den ganzen Gesang zu vertonen, war alles schon im Kern angelegt.

Ich brauchte dafür jedoch – zusammen mit den Korrekturen des ersten Teils – noch einmal drei Monate. Gleich lang wie für die ersten beiden Drittel des Werkes.

Franz Löbling

Franz Löbling studierte Romanistik, Germanistik und Angewandte Literaturwissenschaft in Bayreuth, Limoges und Berlin. Er schrieb unter anderem für die Online-Redaktion des Goethe-Instituts Italien und des internationalen literaturfestivals berlin. Während seiner Studienzeit beteiligte er sich an einer Neuübersetzung der französischen Korrespondenz Friedrichs des Großen. Franz Löbling ist Presse-Praktikant bei der Klassik Stiftung.

Zum Festival MelosLogos

»un altro viaggio« – Dante, eine Einführung