Friedl Dicker wurde 1898 in Wien geboren. Foto: gemeinfrei

Friedl Dicker: Frauenporträt, 1925

Friedl Dicker: Einladung zum 1. Bauhaus-Abend mit einer Lesung von Else Lasker-Schüler am 14. April 1920. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Friedl Dicker: Landschaft, um 1920. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Bruno Adler (Hg.): Almanach „Utopia. Dokumente der Wirklichkeit“, 1921. Unter Mitwirkung von Johannes Itten, Margit Téry-Adler, Oskar Schlemmer und Friedl Dicker. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Friedl Dicker: Landschaft. Häuser am Wasser. Das Bild entstand vermutlich während Dickers Aufenthalt in Hronov nahe Prag, wohin sie 1938 mit ihrem Mann emigrierte. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Eine Wienerin mischt Weimar auf

Vier Jahre war die Wiener Künstlerin Friedl Dicker am Bauhaus in Weimar. Nachkommen ihrer Freunde haben nun Werke der vielseitigen Künstlerin der Klassik Stiftung Weimar geschenkt.

Als der Kunstpädagoge Johannes Itten 1919 nach Weimar berufen wird, kommt er nicht allein. Er bringt seine Schülerinnen Friedl Dicker, Anny Wottitz und Margit Téry aus der österreichischen Hauptstadt in das Thüringer Städtchen mit. Die drei jungen Frauen lernen sich während ihres Kunststudiums in Wien kennen. Eine tiefe Freundschaft entwickelt sich zwischen ihnen, die ihr Leben lang Bestand hat – und darüber hinaus.

Zu ihrem Freundeskreis zählen außerdem Margits Mann Bruno Adler, ein Kunst- und Literaturkritiker, der in Weimar den Utopia-Verlag gründet. Auch Annys späterer Mann Hans Moller und Friedls Partner Franz Singer sind dabei. So gelangt eine ganze Clique junger, jüdischer Großstädter in die Thüringische Provinz, die sie mit ihrer selbstbewussten Andersartigkeit mächtig aufmischen.

Itten verfolgt einen neuartigen Ansatz. Er ist Anhänger der indisch geprägten Heilslehre Mazdaznan, rasierte seinen Kopf, ernährte sich vegetarisch und verordnete seinen Schülerinnen und Schülern Atemübungen, um das gestalterische Potential zu fördern.

Einladung zum 1. Bauhaus-Abend

Friedl Dicker: Einladung zum 1. Bauhaus-Abend mit einer Lesung von Else-Lasker-Schüler am 14. April 1920. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Friedl gilt am jungen Bauhaus rasch als besonders talentiert. Sie arbeitet mit Anny und Margit in Otto Dorfners Buchbindewerkstatt und entwirft Programmhefte für die bekannten Bauhaus-Abende. Das ist ein Vortragsprogramm mit wichtigen Vertreterinnen und Vertretern aus Kunst, Musik, Dichtung und Philosophie in Weimar. Die Abende sollen auch Kritiker der neuen Strömung zum Dialog einladen.

Doch damit nicht genug, Friedl sprüht nur so vor Ideen: Nebenher arbeitet sie an Bühnenbildern und -kostümen, bastelt Puppen, baut Möbel und konzipiert mit ihrem Partner Franz Singer erste Wohnhausentwürfe. Direktor Walter Gropius bescheinigt ihr im Zeugnis, dass ihre Werke „zu den allerbesten des Instituts“ gehörten. Deshalb unterrichtet sie schon während ihres eigenen Studiums am Bauhaus.

Kostümentwurf

Friedl Dicker: Kostümentwurf für Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“, 1923. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

1923 verlässt sie Weimar und gründet gemeinsam mit Singer ein Atelier, erst in Berlin, dann in ihrer Heimatstadt Wien. Ihre avantgardistischen Entwürfe für Architektur und Innenarchitektur sind sehr gefragt. 1930 bekommen sie den Auftrag, einen Kindergarten im Wiener Goethehof einzurichten. Dort arbeitet man nach der innovativen Methode der Reform-Pädagogin Maria Montessori. Die spielerische Freiheit für individuelle Entfaltung spiegelt sich konsequent im Mobiliar: Jedes Zimmer hat mehrere Funktionen, Tische sind zusammenklappbar, Stühle lassen sich stapeln, Wohnräume in Schlafzimmer verwandeln.

Sie gestalten auch die Wohnungen ihrer Studien-Freunde, die in der Zwischenzweit ebenfalls wieder in Wien leben. Zum einen die der Familie Adler, zum anderen ein Damenzimmer in der Villa von Anny und Hans Moller. In diesen Räumen wachsen die Kinder auf, die Friedls Freundinnen mittlerweile bekommen haben. Annys Tochter Judith und Margits Sohn Florian lernen sich über die befreundeten Eltern kennen und werden später ein Paar.  Ihr Nachlass ist es, aus dem die großzügigen Schenkungen an die Klassik Stiftung Weimar stammen. Trotz Flucht und Emigration gelingt es Margit und Anny, einige Werke ihrer Freundin Friedl aufzubewahren und an ihre Kinder weiterzugeben.

Landschaft

Friedl Dicker: Landschaft, um 1920. Schenkung aus dem Nachlass Judith und Florian Adler-Moller (Schweiz)

Friedl Dicker selbst bleibt kinderlos. Nachdem sie sich in den 1930er Jahren in Wien in der Kommunistischen Partei engagiert, kritische Foto-Collagen entwarf und verhaftet wird, emigriert sie nach Prag. Dort heiratet sie Pavel Brandeis. 1942 werden beide ins Ghetto Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz. Friedl überlebt nicht. Noch im Lager malte sie und gab Kindern Kunstunterricht.

15 Blätter aus der Schenkung sind vom 31. Juli bis zum 16. August im Rahmen der Präsentation “Friedl Dicker. Arbeiten auf Papier” im Projektraum B des Bauhaus-Museums Weimar zu sehen.

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