Am 19. November 2021 können Menschen von Amerika bis Australien eine partielle Mondfinsternis beobachten.

Faszination Mondfinsternis zur Goethezeit

von Margrit Glaser
aus dem Goethe- und Schiller-Archiv

Eine bislang unbekannte Zeichnung zu zwei totalen Mondfinsternissen des Jahres 1823 ist noch bis zum 19. Dezember in der Ausstellung „Natur auf Papier“ im Goethe- und Schiller-Archiv zu sehen.

Eine Mondfinsternis kann nur bei Vollmond beobachtet werden, wenn die Erde genau zwischen dem Mond und der Sonne steht. Der Mond durchquert den Schattenkegel, den die Erdkugel hinter sich wirft.

Das durch die Erdatmosphäre in den Kernschatten gebrochene Sonnenlicht lässt den Mond rötlich schimmern, obwohl er sich vollständig im Kernschatten der Erde befindet.

Kern- und Halbschatten der Erde bei einer Mondfinsternis. Grafik: wikipedia.org/wiki/Mondfinsternis

Kern- und Halbschatten der Erde bei einer Mondfinsternis. Grafik: wikipedia.org/wiki/Mondfinsternis

Mondfinsternisse treten periodisch auf. Die bedeutendste und bekannteste Periode ist der Saroszyklus mit einer Dauer von etwa 18,3 Jahren. Aufgrund von Beobachtungen war man bereits lange vor unserer Zeitrechnung in der Lage, diese Ereignisse mit einiger Sicherheit vorherzusagen. Dennoch ist die exakte Vorausberechnung von Finsternissen auch heute keine leichte Aufgabe. Die NASA bietet einen „Five millenium catalogue of lunar eclipses“ mit Informationen zu den über 12.000 Finsternissen der Jahre 1999 v. u. Z. bis 3000 n. u. Z.. Knapp 30 % davon sind totale Mondfinsternisse.

Mondfinsternis. Foto: Stefan Dietz

Mondfinsternis. Foto: Stefan Dietz

Wie für alle Himmelserscheinungen interessierten sich Großherzog Carl August und Goethe auch für Mondfinsternisse. Ende 1822 war der junge Mathematiker und Astronom Ludwig Friedrich Schrön (1799-1875) vom Gehilfen der Jenaer Sternwarte zum ›Conducteur‹, dem Assistenten des Direktors Johann Friedrich Posselt, befördert worden. Als Dank für die Beförderung berechnete er die beiden 1823 in Europa zu beobachtenden totalen Mondfinsternisse voraus. Sie fanden am 26. Januar und am 23. Juli statt.

Auf der von Schrön angefertigten Aquarell-Zeichnung sind der jeweilige Durchgang des Mondes durch den Schattenkegel der Erde (Fig. 1) und der Mond selbst (Fig. 2) zu sehen.

Ludwig Friedrich Schrön: Mondfinsternis. 1823 Foto: Klassik Stiftung Weimar

Ludwig Friedrich Schrön: Mondfinsternis. 1823 Foto: Klassik Stiftung Weimar

Bemerkenswert auf der Zeichnung ist unter anderem die unterschiedliche Größe des Mondes: Am 26. Januar 1823 erscheint der Mond durch seinen recht geringen Abstand zur Erde (nahe dem Perigäum) mit etwa 33,5 Bogenminuten um etwa 10 % größer als am 23. Juli 1823 mit etwa 29,5 Bogenminuten in seinem verhältnismäßig großen Abstand zur Erde (nahe dem Apogäum).

Alle für das Verständnis der Darstellung wichtigen Informationen beschrieb Schrön in einer der Zeichnung beigelegten „Erklärung der Zeichnungen zu den zwei sichtbaren, totalen Mondfinsternißen des Jahres 1823“.

Ludwig Friedrich Schrön: Erklärung der Mondfinsternis, 1823. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Ludwig Friedrich Schrön: Erklärung der Mondfinsternis, 1823. Foto: Klassik Stiftung Weimar

Schrön übergab die Zeichnung und die Erklärung Goethe, der die Oberaufsicht über die Sternwarte führte. Dieser ließ beides am 17. Januar 1823 durch den geheimen Referendar Carl Emil Helbig an den Großherzog Carl August übermitteln: „Vorausberechnung und Zeichnung der dießjährigen Mondfinsternisse würden wohl von Serenissimo eines Blicks gewürdigt“ – sie seien ein Beweis dafür, „daß Schrön für die ihm gegönnte gnädige Beförderung sich dankbar und thätig zu erweisen für Pflicht hält.“

Nach dem Tod Friedrich Posselts übernahm Schrön zunächst kommissarisch einen Großteil der Aufgaben an der Sternwarte. Er war stets bemüht, die Astronomie als klassisches Arbeitsfeld einer Sternwarte zu stärken. In einer Verordnung aus dem Jahr 1824 legte Goethe folgende Aufgaben für Schrön fest:

“1. Die Bestimmung der richtigen Lage des Passage-Instruments. <…>

2. Die Beobachtungen der Kulminationen der Sonne und Fixsterne zur Zeitbestimmung und Erhaltung der Uhren in richtigen Stand

3. Die Berechnung, Zeichnung und Beobachtung der Sonnen- und Mondfinsternisse.

4. Das Aufsuchen und Beobachten entdeckter Kometen so wie das Eintragen ihres Laufs in die Stern Karten.

5. Die Beobachtungen der Sternbedeckungen.“

Am 27. November 1826 leitete Goethe erneut ein Schreiben Schröns an Großherzog Carl August weiter: „In beyliegendem Briefe entschuldigt sich Schrön, daß er die auf den 29. d. M. bevorstehende Sonnenfinsterniß nur im Allgemeinen angeben könne, und setzt die Schwierigkeiten einer genauen Berechnung aus einander.“ Damit verbunden war der Wunsch nach einer Weiterbildung Schröns an einer „auswärtigen Sternwarte“. Der Großherzog antwortete am selben Tag: „Den Astronomen wirst Du wohl zu seiner und einer schicklichen Zeit an eine nahrhafte Quelle befördern.“

Diese „nahrhafte Quelle“ wurde für Schrön 1828 bis 1829 die Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha. Im Anschluss an diesen Aufenthalt übernahm er offiziell die Leitung der Sternwarte in Jena. 1878 wurde Ernst Abbe Direktor der Sternwarte im Jenaer Schillergässchen und ließ ein modernes Observatorium errichten. Heute ist die Sternwarte Teil des astrophysikalischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität.

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