Aura Rosenberg: Angel of History, 2013. Ausstellung in Galeria Studio, Warschau, 2017 © Foto: Nicolas Grospierre / Aura Rosenberg

„Die Wiedergutmachung unserer verdrängten Geschichte mag in weiter Ferne liegen, aber sie ist dennoch möglich.“

In „Angel of History“ taucht die amerikanische Künstlerin Aura Rosenberg tief in das Werk von Walter Benjamin ein und präsentierte verschiedene ‚Übersetzungen‘ zu dessen IX. These zur Geschichte. Die Ausstellung ist der finale Part der Ausstellungsreihe „Welt übersetzen. Zeitgenössische Perspektiven auf Walter Benjamin“, welche die Klassik Stiftung Weimar zusammen mit dem Kunstfest Weimar im Bauhaus-Museum realisierte. Zum Abschluss lesen Sie hier ein erweitertes Interview aus dem gleichnamigen Katalog. Die Künstlerin sprach mit Kurator Marius Hoppe über Vorbilder, Nachfahrinnen und den Sinn von Trümmer.*

Ein Interview von Marius Hoppe.

 

Frau Rosenberg, welche Bedeutung hat Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ für Sie?

AR: In seinen Thesen zur Geschichte schreibt Benjamin: „Er [der Engel] möchte […] die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.“ Der Engel erkennt, wie die Sieger die Besiegten zum Schweigen bringen. Die offizielle Geschichte schreiben die Sieger für sich selbst, während die Seite der Unterdrückten außen vor gelassen wird. Heute sehen wir, wie People of Color, Frauen und andere marginalisierte Gruppen um die Anerkennung ihrer Geschichte kämpfen.

In diesem Sinne hat die schwarze Feministin Tina Campt vor kurzem einen Aufsatz mit dem Titel „Black Futurity“ verfasst, welcher geltend macht, dass „the question of futurity is inextricably bound up in the conundrum of being captured by and accountable to the historical impact of the Atlantic slave trade on the meaning of black womanhood in the Americas“[1]

„Die Toten erwecken“ ist der Anspruch der heutigen Kämpfe. In Benjamins Entscheidung, dass ein Engel diese Botschaft überbringt, lässt sich die theologische Dimension seines Denkens als ein paradoxes Gegenstück zum historischen Materialismus erkennen. Ich identifiziere mich mit der Anziehungskraft, welche der Messianismus auf Benjamin hatte, weil Spiritualität für mich auch sehr wichtig ist.

 

Was reizte Sie, Benjamins sprachliche Übersetzung von Paul Klees „Angelus novus“ in Ihre eigenen Bilder zu übersetzen?

„Angelus Novus“ war ein Berührungspunkt für Benjamin. Als Schriftsteller dachte er in Bildern, was ein Grund dafür ist, dass seine Texte so viele bildende Künstler anziehen. Ich wollte einige dieser Texte in Bilder zurückübersetzen. In „Berlin Childhood“ suchte ich nach zeitgenössischen Entsprechungen zu Benjamins Beschreibungen seines bürgerlichen Aufwachsens im Berlin der Jahrhundertwende. Ich fotografierte meine Tochter, ihre Freunde, meinen Vater und unser Leben in Berlin, wie es sich mit Orten und Ereignissen aus einem früheren Jahrhundert überschnitt. Später erfuhr ich, dass Benjamin die Berliner Kindheit als eine Sammlung von “Schnappschüssen” betrachtete.

Aura Rosenberg. Angel of History. 2013. Ausstellung in Galeria Studio, Warschau, 2017 © Foto: Nicolas Grospierre / Aura Rosenberg

In „Angel of History“ brachten Sie eine neue Art von Ästhetik in ihre Arbeit. Davor arbeiteten Sie vor allem mit Fotografien und Objekten und hier nun mit Film und Animation. Wie kam es dazu?

Ich begann „Angel of History“ als eine Serie digitaler Fotomontagen. Nach einer Weile wollte ich den Flug des Engels durch die Zeit darstellen und die Animation war dafür am geeignetsten. Mein Fünf-Minuten-Video durchläuft die Geschichte des Universums: Es beginnt mit einem Foto des Hubble Teleskops von einem kosmischen Nebel und endet in einem Trümmerberg. Zu großen Teilen besteht der Film aus archivierten Bildmaterial und bezieht sich deshalb auf die Geschichte der Fotografie. So findet sich darin ein Bild von Louis Daguerre vom Boulevard du Temple in Paris aus dem Jahr 1838. Wegen der langen Belichtungszeit konnte Daguerre keine der vorbeilaufenden Passanten einfangen, außer einem Mann im Hintergrund, der womöglich anhielt, um sich die Schuhe putzen zu lassen. Dadurch ist dies das erste Bild, das einen Menschen fotografisch festhält. Ebenfalls finden sich bei mir ein Foto von Mathew Brady aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, das ein leichenbedecktes Schlachtfeld zeigt, daneben ein Bild von Kinderarbeitern von Louis Hine sowie Robert Capas sterbender Soldat aus dem spanischen Bürgerkrieg und Ernest Withers bekannte Müllwerker, die Schilder mit der Aufschrift „I Am a Man“ tragen. Durch all diese ikonischen Fotos stellt mein Video die Geschichte auch als eine Geschichte der Fotografie dar.

Esther Leslie, die einen Essay für mein Buch „Berlin Childhood“ geschrieben hat, weist darauf hin, dass Animation oder Cartoons sich für soziale Lesarten – dystopische und utopische – eignen. Es geht darin um Fragen des Warenfetischismus und seltsamer Allianzen. Dazu drängte das Essay auch formale Fragen der Kunst der klassischen Moderne nach vorne – von Selbstreflexivität und Flächigkeit versus Tiefe, von universeller Sprache und Montage. Als Kunststudentin in den Vereinigten Staaten war ich von den modernen Theorien von Clement Greenberg und Michael Fried durchdrungen. Greenberg behauptete bekanntlich, dass das Wesen der Malerei in der Flächigkeit liegt, eine Idee, die vor allem meine frühen Gemälde beeinflusste. Dies war also eine weitere Verbindung zur Animation für mich.

 

Sie sind sogar mit Walter Benjamins Nachfahrinnen befreundet und haben sie in einige Ihrer Arbeiten miteinbezogen. Wie haben Sie sich kennengelernt und spüren sie eine besondere Verantwortung, wenn Sie mit ihnen zusammenarbeiten?

Chantal Benjamin nahm 2004 per E-Mail Kontakt mit mir auf, nachdem sie meine Arbeiten in der Ausstellung „Writing Images Ideas: Walter Benjamin and the Art of the Present Day” im Haus am Waldsee gesehen hatte. Chantal wurde in London geboren und besuchte zunächst Berlin, um mehr über ihren Großvater zu erfahren. Dort wurden wir Freunde. Ein Jahr später brachte sie ihre Tochter Lais zur Welt und ließ sich dauerhaft in Berlin nieder. Da kam mir der Gedanke, dass ich mit den beiden eine Filmversion von „Berlin Childhood“ machen könnte.

Wir haben langsam an einer Reihe von kurzen Videos gearbeitet, die jeweils einem Eintrag in „Berlin Childhood“ entsprechen. Vor etwa fünf Jahren stieß eine weitere Künstlerin, Frances Scholz, zu dem Projekt. Bis heute haben wir aus etwa einem Dutzend der Texte Filme gemacht.

 

Der Engel der Geschichte kann nur zusehen, wie die Trümmer der Vergangenheit sich anhäufen. Sie arbeiten häufig mit Motiven und Fragmenten aus der Vergangenheit („Dialectic Porn Rocks“, „Berlin Childhood“, „Statues also fall in love“). Stehen diese Trümmerteile nur für etwas Schlechtes oder können Sie auch etwas Positives für die Zukunft bieten?

Eine sehr gute Frage! Tatsächlich finden sich in vielen meiner Arbeiten Ruinen und Trümmer in der einen oder anderen Form. In meiner zur Zeit laufenden Ausstellung in der Efremidis Galerie[2] zeige ich eine Installation meiner Souvenirminiaturen der Berliner Siegessäule zusammen mit Kieselsteinen, was mich an die Trümmerfrauen der Nachkriegszeit erinnert.

Bieten diese Fragmente etwas Positives an? Ich wollte „Angel of History“ nicht einfach mit einem großen Trümmerberg beenden. Stattdessen erscheint ein Blitz und erlaubt einen erneuten flüchtigen Blick auf das Paradies, dort wo der Sturm einst aufzog. Es dauerte eine Weile, bis ich für mich herausfand, wie ich das machen konnte. Nachdem mein Ehemann, der Künstler John Miller, vorschlug, dass der Sturm mehr Regen und Donner beinhalten sollte, da wurde mir klar, dass der Blitz eine Ahnung von dem, was noch möglich ist, hervorrufen könnte, so wie das Nachbild bei einem Blitzlicht. Dadurch verstand ich auch Benjamins Passage: „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten. >Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen<:  dieses Wort, das von Gottfried Keller stammt, bezeichnet im Geschichtsbild des Historismus genau die Stelle, an dem es vom historischen Materialismus durchschlagen wird. Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht in ihm als gemeint erkannte.“[3]  Die Wiedergutmachung unserer verdrängten Geschichte mag in weiter Ferne liegen, aber sie ist dennoch möglich.

 

Aura Rosenberg wurde 1949 in New York geboren und studierte Kunst am Sarah Lawrance College und am Hunter College. Heute arbeitet sie sowohl in Berlin als auch in New York. Als Professorin für Fotografie unterrichtet sie am Pratt Institute und der School of Visual Arts in New York.

* Das Interview fand auf Englisch statt und wurde anschließend ins Deutsche übersetzt.

Auch interessant:

Vergangenheit und Zukunft ereignen sich immer im Jetzt

„Gropius’ Einladung an die Frauen war erst mal ernst gemeint“

Friedl Dicker: Eine Wienerin mischt Weimar auf

 

[1] Tina Campt: Quiet Soundings: The Grammar of Black Futurity. Durham 2017. S. 32. URL: http://bcrw.barnard.edu/wp-content/uploads/2015/10/TinaCampt_chapter-1.pdf (15. November 2021).

[2] Aura Rosenberg: The Bull, The Girl + The Siegessäule. Ausstellung in der Efremidis Galerie, Berlin. 26.11.2021 bis 20.01.2022.

[3] Walter Benjamin: V. These zur Geschichte. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. I-2. Frankfurt a.M. 1980. S. 695.