Links: Friederike Margarete Vohs (Voß) Kreidezeichnung von Fredrich Bury, 1800. Rechts: Friederike Werdy, geb. Porth, verwitwete Vohs, geschiedene Keer, Lithographie nach einer Zeichnung von Knäbig, 1839 © Klassik Stiftung Weimar

Christiane Vulpius mit Sohn August von Goethe © Klassik Stiftung Weimar

Christiane, gezeichnet von Goethe um 1788/89 © Klassik Stiftung Weimar

Das Juno- oder Musikzimmer 1886-1913 © Klassik Stiftung Weimar

Die vertauschten Gesichter – Christiane von Goethe und Friedrike Vohs

Für mehr als 100 Jahre galt das Bildnis der Weimarer Hofschauspielerin Friedrike Margarete Vohs (Voß) fälschlicherweise als Darstellung der Christiane Vulpius. Wie kam es dazu und woher wissen wir heute, dass es nicht Christiane ist? Wer war Friederike Vohs und warum bewahrte Goethe ihr Porträt in seiner persönlichen Kunstsammlung?

Die Eröffnungsfeier des neu gegründeten Goethe-Nationalmuseums in Weimar war auf den 3. Juli 1886 festgelegt, nachdem der Staat Sachsen-Weimar das Erbe des am 15. April 1885 verstorbenen letzten Enkels Goethes, Walther Wolfgang, angetreten hatte. Innerhalb einer Frist von nur 14 Monaten hatte der Direktor Carl Ruland dafür zu sorgen, das jahrzehntelang zum Teil von Mietern bewohnte Haus am Frauenplan baulich zu sanieren und die Dichterwohnung als musealen Erinnerungsort zu gestalten.

Abgesehen vom Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Bibliothek sowie dem Großen Sammlungszimmer, die komplett eingerichtet und zeitweise zugänglich geblieben waren, hatten die Möbel, Kunstwerke und Sammlungsgegenstände der übrigen Wohnung, in wenigen Räumen zusammengeschoben, das halbe Jahrhundert seit Goethes Tod überdauert.

Jetzt stand die Aufgabe, eine aussagekräftige und ästhetisch stimmige musealen Präsentation in kürzester Zeit zu bewerkstelligen. Bilder für die Wände, darunter lebensgroße Porträts von Goethe, gab es in Fülle, jedoch kein charakteristisches lebensgroßes Bildnis von seiner Gefährtin Christiane.

Beim Durchforsten des Goethe-Hauses stieß Ruland in einer Seitenkammer auf ein unbezeichnetes Porträt einer jungen Frau in Lebensgröße mit Schleife im dunklen Lockenhaar. Diese Kreidezeichnung auf Karton erinnerte an die Art und Weise, in der Goethe von Friedrich Bury im Jahr 1800 porträtiert wurde. Ruland deutete das Fundstück daraufhin als Christiane, denn es ähnelte der Christiane auf dem bekannten Gemälde von Heinrich Meyer mit Söhnchen August auf dem Schoß von 1793.

Christiane Vulpius mit Sohn August von Goethe © Klassik Stiftung Weimar

Christiane Vulpius mit Sohn August von Goethe © Klassik Stiftung Weimar

Daraus ergab sich die Chance, zum Eröffnungsfestakt 1886 mit einer Attraktion aufzuwarten: ein Doppelbildnis des Paares Goethe und Christiane im Junozimmer, nahe dem Streicher-Flügel. Man möchte dem Kunsthistoriker Ruland unterstellen, er habe etwas nachgeholfen, eine Lücke in der Ikonographie Goethes und Christianes zu schließen.

Bis heute ist kein echtes Doppelbildnis des Paares aufgetaucht.

Das Juno- oder Musikzimmer 1886-1913 © Klassik Stiftung Weimar

Das Juno- oder Musikzimmer 1886-1913 © Klassik Stiftung Weimar

Wohl konnte Ruland bei Übernahme der Goetheschen Kunstsammlung 1885 zur Identifikation der einzelnen Stücke den von Christian Schuchardt 1848 veröffentlichten Katalog nutzen, der auch den Hinweis auf Friederike Vohs enthielt, jedoch ohne Abbildungen musste manche Zuordnung offen bleiben. Keiner konnte wissen, wer im »Schuchardt« Band 1 Seite 336 Nr.71 mit »Friedrike Vohs, Kreidezeichnung von Friedrich Bury« gemeint sein könnte. Das so kreierte Porträt Christianes wurde durch den Hofphotographen Louis Held popularisiert, der exklusiv das Privileg besaß, die Innenräume des Goethe-Hauses und einzelne Kunstwerke zu fotografieren und als Postkarten in Umlauf zu bringen. Das falsche Christianebildnis wurde dadurch im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Klassik-Ikone hochstilisiert.

Keine Publikation über Goethes Leben und Wirken, keine Werbeschrift für Goethe, Weimar und die Klassik kam nun ohne dieses vermeintliche Christiane-Bildnis aus.

Im Zuge erster systematischer Recherchen zum Goethe-Bestand Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Zweifel am Christiane-Bild laut, die dazu führten, dass das Bild von Goethes Seite genommen, im Hinterhaus des Goethe-Hauses platziert wurde und das Beschriftungsschildchen ein Fragezeichen bekam.

Unter den 24 Ausstellungsräumen, die im Museumsneubau von 1935 entstanden waren, galt ein Raum der Weimarer Theatergeschichte. Darin konnte sich das Bildnis erstmalig in seiner wahren Identität und im historischen Kontext präsentieren: als Friederike Vohs, die als erste Maria Stuart bei der Weimarer Uraufführung im Jahr 1800 bei Schiller und Goethe eine hohe Anerkennung erfahren hatte.

Bis zur erneuten konzeptionellen Überarbeitung des Museums im Jahr 1960 blieb das Bild in diesem Raum. Auf der Grundlage einer autoritär gefällten Entscheidung kam das Porträt für die folgenden 40 Jahre wieder in das Goethe-Haus, wieder in die sogenannten »Christiane-Zimmer« im Hinterhaus. Auf dem Beschriftungsschildchen war das Fragezeichen nun wieder gestrichen.

Vertiefte Recherchen zur Provenienzgeschichte von Goethes Kunstsammlungen im ausgehenden 20. Jahrhundert erbrachten erstmalig den klaren archivalischen Nachweis für Friederike Vohs. Auf der von Goethes einstigem Sekretär Theodor Kräuter geführten Liste vom 18. Oktober 1836 anlässlich einer Bestandsrevision im Junozimmer notierte er unter Nr. 22: »Portrait der Schauspielerin Mad.me Vohs. Kreidezeichnung von Bury, unter Glas und Rahmen«, und direkt daneben Nr. 21 »Goethes Porträt von Bury, Kreidezeichnung«.

Jedoch erst ein Vergleichsporträt konnte überzeugend die Identität der Friederike Vohs bestätigen.

Friederike Margarete Vohs war unter dem Namen »Porth« in Halberstadt geboren worden und unter den Namen Vohs (Voß), Keer und Werdy an deutschen Bühnen in Frankfurt am Main, Stuttgart und Dresden engagiert. Die dadurch erschwerte Spurensuche führte schließlich zu einer kleinen Porträtzeichnung von Maximilian Knäbig, die anlässlich ihres 40. Bühnenjubiläums im Jahr 1839 entstanden war und als Lithographie publiziert wurde.

Vergrößert auf die Maße der Kreidezeichnung von Bury zeigte der Vergleich eindeutig zwei Gesichter unterschiedlichen Alters, aber derselben Frau, der Friederike Vohs, ja selbst die Hände zeigen Ähnlichkeit.

Links: Friederike Margarete Vohs (Voß) Kreidezeichnung von Fredrich Bury, 1800. Rechts: Friederike Werdy, geb. Porth, verwitwete Vohs, geschiedene Keer, Lithographie nach einer Zeichnung von Knäbig, 1839 © Klassik Stiftung Weimar

Links: Friederike Margarete Vohs (Voß) Kreidezeichnung von Fredrich Bury, 1800. Rechts: Friederike Werdy, geb. Porth, verwitwete Vohs, geschiedene Keer, Lithographie nach einer Zeichnung von Knäbig, 1839 © Klassik Stiftung Weimar

Heute wird im Hinterhaus des Goethe-Hauses das Ölgemälde Christiane von Goethes, gemalt im Jahr ihrer Eheschließung mit Goethe 1806 von Caroline Bardua, neben dem Bildnis ihres Bruders Christian August und ihres erwachsenen Sohnes August gezeigt.

Ulrike Müller-Harang

Studium der Germanistik und Slawistik, seit 1982 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klassik Stiftung Weimar, arbeitet im Goethe- und Schiller-Archiv an der Erschließung von Goethes Rechnungen. Veröffentlichungen zur Kulturgeschichte des klassischen und nachklassischen Weimar in Ausstellungskatalogen und Jahrbüchern, Provenienzforschung, Theater-, Museums- und Musikgeschichte

Mehr zu Christiane Vulpius

Zur Ausstellung »Christiane Vulpius. Goethes Freundin und Frau«

Das Bildnis der Friederike Voß und seine Umdeutung zu Christiane Vulpius. Untersucht anhand der Quellen, in: Anna Amalia, Carl August und das Ereignis Weimar. Herausgegeben von Hellmut Th. Seemann. Klassik Stiftung Weimar. Jahrbuch 2007, Seite 326-333.

Tilman Spreckelsen »Das ist ja gar nicht Christiane, das ist Friederike Vohs«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. April 2007, Seite 37.

Ein Kommentar

  • Die Verwechslungsgefahr war auch schon zu Goethes Zeiten groß. 1803 ist Christiane zu einem Aufenthalt in Lauchstädt. Dort trifft sie auf einen „artigen jungen Berliner“, der sie für eine Weimarer Schauspielerin hält. Der junge Berliner könnte durchaus die Hofschauspielerin Voß gemeint haben, da doch eine gewisse Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen ist.

    Daniel -