Ernst Polaczek während seiner Amtszeit als Direktor der Oberlausitzer Gedenkhalle in Görlitz (Ausschnitt), um 1930. © Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur, Kulturhistorisches Museum

Der Fall Prof. Dr. Ernst Polaczek

Bei ihrer Suche nach NS-Raubgut überprüfen die Provenienz-Forscher systematisch die Bestände der Klassik Stiftung Weimar. Am Anfang ihrer Recherchen steht dabei meistens die Durchsicht der historischen Zugangsbücher der einzelnen Sammlungen, in denen die Objekte mit dem jeweiligen Erwerbungsdatum und zumeist auch Angaben zum Lieferanten verzeichnet wurden. Antiquarische Objekte, die zwischen 1933 und 1945 in die Bestände gelangt sind, stehen dabei generell unter einem Anfangsverdacht und veranlassen die Forscher zu weiteren Recherchen zu den ursprünglichen Besitzern.

Im Zugangsbuch für das Goethe-Nationalmuseum finden die Provenienz-Forscher einen Eintrag, der den Ankauf eines »Silhouetten-Alphabets der Adele Schopenhauer« für 40 Reichsmark im März 1936 dokumentiert. Als Einlieferer wird »Prof. Dr. Polaczek« genannt. Da das Erwerbungsjahr 1936 einen Anfangsverdacht auf NS-Raubgut begründet, recherchieren die Provenienz-Forscher weiter.

Der Eintrag im Zugangsbuch des GNM belegt den Ankauf des »Silhouetten-Alphabets der Adele Schopenhauer« und nennt als Lieferanten Prof. Dr. Polaczek sowie einen Kaufpreis von 40 Reichsmark. Die Angabe »Karlsruhe« als Wohnort erweist sich jedoch im Zuge der Recherchen als falsch, Ernst Polaczek lebt zu diesem Zeitpunkt in Freiburg im Breisgau. © Klassik Stiftung Weimar

Der Eintrag im Zugangsbuch des GNM belegt den Ankauf des »Silhouetten-Alphabets der Adele Schopenhauer« und nennt als Lieferanten Prof. Dr. Polaczek sowie einen Kaufpreis von 40 Reichsmark. Die Angabe »Karlsruhe« als Wohnort erweist sich jedoch im Zuge der Recherchen als falsch, Ernst Polaczek lebt zu diesem Zeitpunkt in Freiburg im Breisgau. © Klassik Stiftung Weimar

Sie identifizieren zunächst das genannte Objekt im Bestand der Grafischen Sammlungen der Klassik Stiftung und finden heraus, dass es sich um ein »Rätselalphabet in dreizehn Bildern auf zwei Kartons« handelt, das von Adele Schopenhauer (1797–1849), der Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, stammt. Adele Schopenhauer war vor allem als Schriftstellerin tätig, jedoch auch als eine Meisterin des Scherenschnitts bekannt. Ihre Mutter Johanna Schopenhauer unterhielt in Weimar einen literarischen Salon, in dem Johann Wolfgang Goethe regelmäßig zu Gast war. Aufgrund dieser Verbindung zwischen dem Dichter und der Familie Schopenhauer hatte das Goethe-Nationalmuseum Interesse am Erwerb des »Silhouetten-Alphabets«.

»Das Rätselalphabet in dreizehn Bildern auf zwei Kartons“ wurde von Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, gefertigt. © Klassik Stiftung Weimar

»Das Rätselalphabet in dreizehn Bildern auf zwei Kartons“ wurde von Adele Schopenhauer, der Schwester des Philosophen Arthur Schopenhauer, gefertigt. © Klassik Stiftung Weimar

Die weiteren Nachforschungen konzentrieren sich auf die Biografie Ernst Polaczeks und die Umstände, unter denen er das Kunstwerk verkauft hat.

Ernst Polaczek wurde 1870 in Reichenberg (heute Liberec/Tschechien) geboren und studierte ab 1893 in Straßburg Kunstgeschichte. Es folgte eine universitäre Laufbahn: Nach dem Abschluss der Promotion blieb er als Assistent an der Universität Straßburg, wo er sich 1899 habilitierte. Acht Jahre später übernahm Ernst Polaczek zudem die Leitung des Städtischen Kunstgewerbemuseums in Straßburg. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde er zum Honorarprofessor der Universität Straßburg sowie zum Direktor des Straßburger Museums der schönen Künste ernannt. Nach Kriegsende wurde Ernst Polaczek wie alle reichsdeutschen Beamten aus dem nun wieder französischen Elsass ausgewiesen. Er lebte fortan mit seiner Ehefrau Friederike Polaczek in München, bis ihm 1928 die Stelle als Direktor der Oberlausitzer Gedenkhalle und des dazugehörenden Kaiser-Friedrich-Museums in Görlitz angeboten wurde. Fünf Jahre konnte er dort wirken, bis er 1933 aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung der Nationalsozialisten Berufsverbot erhielt: Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Ernst Polaczek während seiner Amtszeit als Direktor der Oberlausitzer Gedenkhalle in Görlitz, um 1930. © Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur Kulturhistorisches Museum

Ernst Polaczek während seiner Amtszeit als Direktor der Oberlausitzer Gedenkhalle in Görlitz, um 1930. © Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur, Kulturhistorisches Museum

Ernst und Friederike Polaczek zogen daraufhin nach Freiburg im Breisgau. Sehr wahrscheinlich musste Ernst Polaczek in dieser Zeit Teile seiner privaten Kunstsammlung verkaufen, um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau bestreiten zu können. Aus seiner Korrespondenz mit dem Freiburger Finanzamt wird zudem ersichtlich, dass er die Emigration aus Deutschland plante: Er verpfändete Wertpapiere, um die sogenannte Reichsfluchtsteuer zahlen zu können.

Im Januar 1939 starb Ernst Polaczek. Seine Witwe war Alleinerbin der Kunstsammlung, zu der unter anderem herausragende Keramiken, sogenannte Fayencen, gehörten. Verschiedene Museen drängten Friederike Polaczek zum Verkauf ihrer wertvollen Keramiksammlung, dem sie schließlich zustimmte. Wie fast alle Juden, die in Baden lebten, wurde auch Friederike Polaczek im Oktober 1940 nach Frankreich deportiert und von den französischen Behörden anschließend im Lager Gurs interniert. Es gelang ihr, aus dem Lager zu entkommen und sich bis 1942 in Grenoble zu verstecken. Hier wurde sie bei einer Razzia entdeckt, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Zwar können die Provenienz-Forscher nicht genau klären, unter welchen Umständen Ernst Polaczek 1936 das Silhouetten-Alphabet an das Goethe-Nationalmuseum verkauft hat. Doch durch ihre Recherchen wird deutlich, dass er aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu den vom nationalsozialistischen Regime Verfolgten gehörte und daher konkrete Emigrationspläne fasste. Die Forscher gelangen daher zu der Einschätzung, dass Ernst Polaczek das Kunstwerk unter dem Druck der Verfolgung verkaufen musste und bewerten den Verkauf somit als einen NS-verfolgungsbedingten Kulturgutverlust. Gegenwärtig sucht die Klassik Stiftung Weimar nach Erben des Ehepaares Ernst und Friederike Polaczek.

Die Mobile Vitrine mit dem Fall Ernst Polaczek, der Geschichte eines NS-verfolgungsbedingten Entzuges, ist bis November 2017 im Foyer des Goethe-Nationalmuseums zu sehen.

Quelle

Dr. Katharina Siefert: Nach geltendem Recht. Raub und Restitution der Fayence-Sammlung Polaczek, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg. – 50.2013/14. – Berlin/München, 2015, S. 35-46

Zur Reihe »NS-Raubgut in der Klassik Stiftung Weimar«

In den Beständen der Klassik Stiftung Weimar befinden sich unrechtmäßig erworbene Kulturgüter. Seit 2010 sucht die Stiftung systematisch nach sogenanntem NS-Raubgut und strebt gemeinsam mit den Verfolgten oder deren Erben gerechte und faire Lösungen an. 2011 hat die Stiftung diese Aufgabe in ihr Leitbild aufgenommen.

In mehreren Fällen konnten als »NS-Raubgut« identifizierte Objekte an die Erben der einstigen Besitzer zurückgegeben werden. Seit November 2015 ist die Mobile Vitrine auf Wanderschaft durch die Foyers der Häuser und stellt besonders interessante Einzelfälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern und die Verfolgungsschicksale der früheren Eigentümer vor.

Zu jedem Fall wird ein Blogbeitrag veröffentlicht.

Romy Langeheine

Romy Langeheine studierte Jüdische Geschichte und Linguistik an der Universität Erfurt, der FU Berlin und an der University of Sussex. Ihre Promotion über den Nationalismusforscher Hans Kohn erschien 2013 im Göttinger Wallstein Verlag. Romy Langeheine arbeitet als selbstständige Kuratorin und Lektorin in Jena.

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Mehr zum Thema Provenienzforschung:

Der Fall Jenny Fleischer: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 6

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Der Fall Michael Berolzheimer: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 3

Der Fall Arthur Goldschmidt: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 2

Der Fall Josefine Lechner: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 1

Die Biografie hinter dem Objekt: Auf der Suche nach NS-Raubgut

Glossar Provenienzforschung