Dem Geyer gleich, … schwebe mein Lied

Johann Wolfgang von Goethe (1789)

Harzreise im Winter

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied!

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt;
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.

So beginnt in der frühesten uns bekannten Handschrift jene Hymne, der Goethe später den Titel »Harzreise im Winter« gegeben hat.

Wolfgang von Goethe (1749–1832), Harzreise im Winter, eigenhändige Reinschrift, 1789

Wolfgang von Goethe (1749–1832), Harzreise im Winter, eigenhändige Reinschrift, 1789

 

Auf dem diesjährigen Festival »MelosLogos 13. Poetische Liedertage Weimar«  wird diese Hymne neben weiteren Gedichten neu interpretiert.