»Eigentlich schade, dass das Haus nicht mehr bewohnt wird« - Schülerinnen und Schüler der 11. und 12. Klasse zu Gast in Goethes-Wohnhaus in Weimar. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

»Prometheus –
Was geht euch das an?«

»Zeh, Suter und Co – die kennt man heute alle, aber Goethe… der ist unsterblich«, sagt Lotte (17), während sie mit mir durch die Räume von Goethes Wohnhaus in Weimar schlendert. Lotte nimmt gerade mit 20 anderen Schülerinnen und Schülern der 11. und 12. Klasse an einem zweiwöchigen Bildungsprojekt teil – freiwillig, in den Sommerferien und mit Abschlusspräsentation. Klingt nach Arbeit? Ist es auch. Leistungsdruck, Zensuren und Frontalunterricht gibt es jedoch nicht. Dafür ein buntes Seminarprogramm mit Führungen, Improtheater und Lektürekursen. Das Projekt nennt sich Cicerone. Ich durfte Lotte und die anderen Ciceroni zwei Tage lang begleiten.

Tag 1. Mit dem Zug fahre ich morgens fünf Minuten von Weimar nach Oßmannstedt. Hier auf dem Wielandgut verbringen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die nächsten zwei Wochen. Heute steht eine Seminareinheit zum Thema »Individualität« auf dem Plan, erfahre ich von Kursleiter Justus Ulbricht. Frisch gestärkt vom Frühstück sitzen pünktlich um 9 Uhr alle an dem großen Tisch im Innenhof. Lotte, Charlotte, Carlotta lese ich auf den Namenschildern und muss schmunzeln. Goethe hät´s gefreut.

Seminareinheit im Freien. Hier diskutieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Cicerone-Projekts über Themen wie Freiheit, Individualität und Humanität. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Seminareinheit im Freien. Hier diskutieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Cicerone-Projekts über Themen wie Freiheit, Individualität und Humanität. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Goethes »Skandalgedicht« Prometheus ist es, das den Gesprächsstoff für die nächste Stunde bietet. Doch was genau ist daran eigentlich so skandalös? Was will uns Goethe damit sagen? Kurz herrscht Stille, einige blicken auf ihren Schreibblock. Dann meldet sich eine Teilnehmerin: »Ich bin mir wirklich nicht sicher…«. Ulbricht unterbricht und ermutigt sie: »Sag´s einfach«. Es ist der Cicerone-Geist, der sich mir hier offenbart. Die jungen Erwachsenen werden darin bestärkt, miteinander zu diskutieren, sich zu positionieren und zu sagen, was sie denken. Dazu werden sie regelmäßig von ihm dazu aufgefordert, »laut, ganz laut« zu sprechen, »damit´s alle hören«.

Wegen Prometheus, da ist man sich einig, wäre Goethe 200 Jahre vor seiner Zeit noch verbrannt worden. Wegen Blasphemie. Religionskritik klar, aber Künstlerlob? Auch das schwinge mit, bemerkt Seminarleiter Ulbricht und verweist auf Vers 52. Sein Hinweis wirkt wie ein dezentes Anstupsen. Ein gelber Marker geht durch die Reihe. Neben mir werden Ausrufezeichen an den Rand gemalt. »Prometheus – Was hat das mit Euch zu tun?«, will Justus Ulbricht abschließend wissen. Eine Frage, die er an diesen Tagen schon fast mantraartig wiederholen wird.

Mit dem Appell »Nehmt mit, was ihr braucht: Kopf, was zu schreiben, Sonnenbrille«, leitet Herr Ulbricht die zweite Tageshälfte ein. Wir fahren gemeinsam nach Weimar. Dort steht nach dem Mittagessen ein Besuch in Schillers Wohnhaus auf dem Plan. Bei der Führung durch das ockergelbe Haus im Stadtkern von Weimar unterhalte ich mich mit Hannah (17). Hannah besucht die 11. Klasse und hat im Schultheater schon die Amalia aus Schillers Drama »Die Räuber« gespielt. Mit Schiller kennt sie sich schon ein bisschen aus. Ob sie denn durch die Führung noch etwas Neues erfahren habe, frage ich sie. »Ja, dass Schiller chronisch überarbeitet gewesen sei«. Ohne Arbeit gab´s damals kein Geld. Außerdem ging der Gewinn eines Werkes an den Verleger, der Autor erhielt nur eine Einmalzahlung. So etwas wie Copyright, lernen sie, gab es damals noch nicht. Da musste auch ein Schiller klar kalkulieren. Mit einem Stück pro Jahr.

Copyright? – Gab es zu Schillers Zeiten noch nicht, erklärt Serminarleiter Justus Ulbricht in Schillers Wohnaus. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Copyright? – Gab es zu Schillers Zeiten noch nicht, erklärt Serminarleiter Justus Ulbricht in Schillers Wohnaus. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Der Besuch in Schillers Wohnhaus wirft Fragen auf: Wie sieht das alles heutzutage aus? Was passiert bei Arbeitsunfähigkeit? Wer erzielt den Gewinn, wenn ein Autor ein gutes Buch schreibt?

Tag 2. Wielandgut Oßmannstedt. Nach der drückenden Hitze am Vortag zwingt uns der Regen heute dazu, auf den Seminarraum auszuweichen. Auch gut. Die Gruppe schließt da an, wo sie gestern aufgehört hat. An Schiller, diesmal in der Rolle des Freiheitsdenkers. Angestoßen durch Schillers Texte diskutieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bald über ganz gegenwärtige Themen. Begriffe wie Brexit und Polizeiaufgabengesetz fallen.

Hannah spielte schon die Amalia aus Schillers »Räubern«. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Hannah spielte schon die Amalia aus Schillers »Räubern«. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Auch Schillers Verständnis von Ästhetik kurbelt das Gedankenkarussell an. Es ist nicht immer auf Anhieb klar, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Freiheit und Ästhetik? In Gruppenarbeiten kommt man der Beziehung auf die Spur. Wer kümmert sich darum, dass wir als Menschen die Werte, die uns glücklich machen, nicht verlieren – egal von welchen äußeren Umständen wir gerade umgeben sind? Schiller schlägt vor, dass den Dichtern, Malern und Sängern zu überlassen. Kurz: der Kunst. Ein Gedanke, der auch Hannah nachhaltig bewegt, wie sie mir später verrät.

Ortswechsel. Goethes Wohnhaus in Weimar. »Eigentlich schade, dass das Haus nicht mehr bewohnt wird«, sagt Lotte (17) während sie sich im Zimmer von Christiane umblickt, von dem aus wir uns jetzt in Richtung der Gesellschaftsräume bewegen. Ein Audioguide gibt den Schülerinnen und Schülern Informationen zu den einzelnen Zimmern. »Man könnte auch anders an Goethe erinnern«, fügt Lotte hinzu. Auch das eine Frage, über die es sich nachzudenken lohnt. Wie hält man die großen Geister der Geschichte am Leben?

Italien, Tschechien, Polen … nie war Goete in Griechenland oder Asien. Besuch in der Goethe Dauer-Ausstellung ›Lebensfluten – Tatensturm‹. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Italien, Tschechien, Polen … nie war Goete in Griechenland oder Asien. Besuch in der Goethe Dauer-Ausstellung ›Lebensfluten – Tatensturm‹. Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Wir verlassen die Wohnräume und gehen in die angrenzende Goethe-Dauerausstellung. Eine große Landkarte zeigt, an welchen Orten Goethe überall Halt gemacht hat. Italien, Tschechien, Polen … nie war er in Griechenland oder Asien. Sein Weltwissen hat das nicht beschränkt. Wenn er nicht in die Welt kam, kam die Welt eben zu ihm. Be-greifen, lernen die Ciceroni, nahm Goethe wortwörtlich. Er wurde zum leidenschaftlichen Sammler. Sogar eigene Zimmer hatte er für seine Schätze – Statuen, Majoliken, Atlanten.

Schätze, die Goethe hinterlassen hat und die nach dem Tod des letzten Goethe-Enkels Walther in den Besitz von Großerzog Carl Alexander übergingen. »Was werdet ihr hinterlassen?«, fragt Justus Ulbricht in die Runde. Mittlerweil hat es sich die Gruppe im Schatten vor Goethes Wohnhaus gemütlich gemacht. »Handys« antwortet einer, »Fotos in der Cloud« ein anderer.

Vor Goethes Wohnhaus fragt Justus Ulbricht »Was werdet ihr hinterlassen?«

Vor Goethes Wohnhaus fragt Justus Ulbricht die Ciceroni: »Was werdet ihr hinterlassen?« Foto: Constanze Fürst, Klassik Stiftung Weimar

Alles im allem erinnerte mich Cicerone ein wenig an das Studium, gepaart mit dem Charme einer Klassenfahrt. Lotte macht daraus »Studienfahrt«, das treffe es besser, denn »es ist wie eine Klassenfahrt, nur interessanter«.

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Weitere Bildungsprojekte:

TextLabor Weimar

Schönheits.Labor.