Unbekannter Fotograf, Gerhard Marcks in seinem Atelier am Bauhaus in Dornburg, im Hintergrund seine Figur Adam (1925), Ausschnitt, Gerhard-Marcks-Stiftung Bremen © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

»Bewahre mir weiterhin Deine
anerkennende Verachtung«

Der Bildhauer Gerhard Marcks war einer der ersten Lehrer am neu gegründeten Bauhaus und vertrat wie kaum ein zweiter Künstler dessen ursprüngliche Idee. Kuratorin Anke Blümm im Interview über Marcks‘ Verhältnis zu Gropius und die Ausstellung »Wege aus dem Bauhaus. Gerhard Marcks und sein Freundeskreis«.

Gerhard Marcks, Bauhaus-Meister der ersten Stunde, stand für die Erneuerung der Künste durch das Handwerk. Walter Gropius, Gründer und Direktor des Bauhauses, förderte spätestens ab 1923 in Weimar Normierung und serienmäßige Produktion. Woher kannten sich die beiden?

Walter Gropius und Gerhard Marcks kannten sich seit ihrer Jugendzeit aus Berlin. Vermittelt hatte den Kontakt Dietrich Marcks, der Bruder von Gerhard Marcks, der – wie Gropius – Architekt war. Gerhard Marcks hatte beschlossen, Künstler zu werden und sich von 1907 bis 1912 autodidaktisch gemeinsam mit Richard Scheibe in dessen Atelier fortgebildet. Er hatte 1917 bis 1918 zudem bereits mit der Industrie zusammengearbeitet, Tierfiguren für die Steingutfabrik Velten-Vordamm entworfen und begonnen, an der Berliner Kunstgewerbeschule zu lehren. Die persönliche Verbindung, dessen künstlerische Haltung und berufliche Erfahrung machten Marcks für Gropius als Lehrer seiner Kunsthochschule neuen Typs interessant.

Wie war ihr Verhältnis?

Gerhards Marcks leitete ab 1920 die Bauhaus-Töpferei in Dornburg und ich denke, am Anfang haben sich die beiden sehr gut verstanden, insbesondere da Gropius zunächst in der Ausbildung auf die solide handwerkliche Schulung setzte. Bald begann Gropius aber die Linie des Bauhauses zu verschieben und stärker die Zusammenarbeit mit der Industrie und den Einsatz der Maschine zu fördern. In Briefen beklagte sich Marcks, Gropius sei »der reine Wilhelm II« und die Keramikwerkstatt sei für Gropius eh nur die »Töppchendreherei«.

Als das Bauhaus aus finanziellen und politischen Gründen in Weimar schließen musste und nach Dessau umzog, ging Marcks nicht mit. Er sah für sich in Dessau keinen Platz mehr. Stattdessen nahm er einen Ruf an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) an. Von dort aus schrieb er Gropius einen eher versöhnlichen Abschiedsbrief. Darin wird jedoch die unterschiedliche Haltung der beiden nicht zuletzt durch Marcks typischen trockenen Humor deutlich:

»Wir haben allerhand schwierige Situationen zusammen durchgemacht, und Gott sei Dank, wir sind immer ehrlich geblieben, auch darin, daß wir schließlich zwei verschiedenen Welten angehören. Du hast mir aber, soweit dieser Rahmen es zuließ, Deine Freundschaft nie versagt, und daher danke ich Dir! Bewahre mir weiterhin Deine anerkennende Verachtung, ich will’s auch so halten.«

Wie würden Sie Marcks‘ künstlerischen Stil beschreiben?

Marcks selbst war Bildhauer, kein Keramiker. Er hatte mit Tierplastiken angefangen, war viel im Berliner Zoo gewesen und hatte dort gezeichnet. Später wandte er sich der menschlichen Figur zu. Am Bauhaus hatte er sich außerdem dem Holzschnitt gewidmet, zudem entstanden einige Skulpturen in Holz. Kennzeichnend für seine frühen Jahre ist ein abstrahierend-expressionistischer Stil.

Gewandelt hat sich das spätestens ab 1928. In jenem Jahr machte er eine Griechenlandreise und kam in Kontakt mit der griechischen Antike, insbesondere der archaischen Skulptur. Danach sind auch seine Figuren natürlicher geworden und eher am menschlichen Vorbild orientiert. Marcks war daran interessiert, ein zeitloses Bild des Menschen zu schaffen, kennzeichnend ist oft die Darstellung eines konzentrierten, in sich ruhenden Moments. Aber auch Tiermotive haben ihn ein Leben lang fasziniert.

Unbekannt (Fotografie), Allerlei Tonproben, 1919, mit Kopfgefäß (mittig) von Gerhard Marcks, Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Unbekannt (Fotografie), Allerlei Tonproben, 1919, mit Kopfgefäß (mittig) von Gerhard Marcks, Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Marcks verfügte bis zu seinem Tod über einen großen Freundeskreis aus Künstlerinnen und Künstlern. Viele Kontakte aus der Bauhaus-Zeit blieben über Jahrzehnte bestehen. Was wissen Sie über den Menschen Gerhard Marcks?

Marcks war eine interessante, eigensinnige Persönlichkeit. Sehr humorvoll, teilweise auch sehr sarkastisch, wie man in seinen Briefen lesen kann. Andererseits war er fürsorglich gegenüber seinen Studierenden und hielt treu Kontakt. Marcks hat immer gern beraten und kritisch seine Meinung gesagt. Er wollte jedoch nichts vorschreiben, sondern hat lieber mit seinen Schülern diskutiert: Was ist gute Kunst? Was ist eine gute Form? Wie kommt eine Form zum Leben? Und in Bezug auf die Keramik: Was ist ein gutes Dekor und warum? Wie können Dekor und Form in das richtige Verhältnis gesetzt werden? Das waren die Fragen, die ihn interessierten. Als ein Beispiel für seinen Unterricht gilt ein Foto, auf dem »Allerlei Tonproben« zu sehen sind. Das ist eine Aufgabe, von der wir denken, dass Marcks sie seinen Schülern gestellt hat: aus einfachen Tonscheiben die unterschiedlichsten phantasievollen Formen zu schaffen.

Marcks war also nicht so ergebnisorientiert wie Gropius?

Genau. Er hat die Studierenden ermuntert, selbst herauszufinden, was sie wollen. Gropius war vom Typ her fortschrittsorientierter als Marcks. Als Direktor hatte er natürlich auch die Verantwortung, das Bauhaus zu einem Erfolg zu machen. Er merkte bald, dass sich das Bauhaus modernen Entwicklungen, der Serien- und Typenproduktion und damit der maschinellen Herstellung öffnen musste, um überlebensfähig zu sein. Und natürlich hatte er damit in gewisser Weise auch Recht. Marcks aber hatte die Befürchtung, dass durch einen durchrationalisierten Werkstattbetrieb die Ausbildung der jungen Studierenden zu kurz kommen könnte. Er gab Gropius zu bedenken:

»Mir scheinen die Menschen wichtiger als die erfolgreiche Geschirrfabrikation.«

Unbekannter Fotograf, Gerhard Marcks in seinem Atelier am Bauhaus in Dornburg, im Hintergrund seine Figur Adam (1925), Gerhard-Marcks-Stiftung Bremen © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Unbekannter Fotograf, Gerhard Marcks in seinem Atelier am Bauhaus in Dornburg, im Hintergrund seine Figur Adam (1925), Gerhard-Marcks-Stiftung Bremen © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung heißt »Wege aus dem Bauhaus. Gerhard Marcks und sein Freundeskreis«. Welche Wege wird die Ausstellung aufzeigen?

Mit »Wege aus dem Bauhaus« meinen wir vor allem den Weg aus dem von Gropius ab 1923 geprägten Bauhaus. Marcks und seine Freunde sind eigentlich immer bei der ursprünglichen Überzeugung geblieben: Wir müssen zum Handwerk zurück und das Handwerk bildet die Grundlage für all unsere künstlerische Arbeit. Insofern ist ein Weg aus dem Bauhaus, bei diesem ersten Grundsatz zu bleiben.

Diese Position wurde ganz klar vertreten von Marcks‘ Schülerin Marguerite Friedlaender-Wildenhain, die mit Marcks nach Halle an die Burg Giebichenstein ging. Dort wurde sie 1933 als Jüdin entlassen und emigrierte in die Niederlande. Auf dem Land baute sie eine Keramikwerkstatt auf. 1940 emigrierte sie in die USA und baute in Kalifornien – wieder auf dem Land – eine Töpferei auf. Sie war immer eine Verfechterin eines einfachen, naturverbundenen Lebens. Es ging ihr um die Herstellung der perfekten Form – und das ist unbedingt in einem weiteren Sinne zu verstehen, als einfach nur einen schönen Topf herzustellen. Eher um eine künstlerische wie menschliche Haltung. Diesen ganzheitlichen Zugang hat sie in zahlreichen Töpferkursen an ihre Schüler weitergegeben und damit viele bedeutende Keramiker in den USA geprägt.

Ein anderer Weg ist der von Theodor Bogler, der sich zunächst am frühen Bauhaus am intensivsten mit der industriellen Serienproduktion beschäftigt hatte, wie seine Kombinationsteekanne zeigt. Sein Weg aus dem Bauhaus bahnte sich privat an: Er heiratete 1922 eine Frau, die eine schwere psychische Krankheit entwickelte und dabei religiöse Wahnvorstellungen hatte. Als sich die Frau 1925 das Leben nahm, trat Bogler in die katholische Kirche ein und wurde zwei Jahre später Mönch im Benediktinerorden Maria Laach. Er entwarf jedoch weiterhin Keramik, die aber zum Teil religiös motiviert war.

Marguerite Friedlaender-Wildenhain baute in Kalifornien eine Töpferei auf. Foto: Otto Hagel © Stewards of the Coast and Redwoods

Marguerite Friedlaender-Wildenhain baute in Kalifornien eine Töpferei auf. Foto: Otto Hagel © Stewards of the Coast and Redwoods

Wie kommt es, dass heute viele Menschen das Bauhaus mit Stahlrohrmöbeln gleichsetzen und Gerhard Marcks und seine Zeit am Bauhaus eher am Rande behandelt werden?

Das hat sicher ganz viel damit zu tun, dass die erste Rezeption des Bauhauses, die in den 1960er Jahren anfing, insbesondere von Gropius geprägt wurde. Gropius war ja 1937 in die USA gegangen, seine engen Freunde vom Bauhaus wie Marcel Breuer oder Laszlo Moholy-Nagy waren ihm gefolgt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren besonders ihre Ideen in Deutschland und Europa erneut gefragt. Und Marcks selbst wollte sich später nicht mehr mit dem Bauhaus identifizieren und äußerte sich vor allem kritisch gegen die moderne Kunstentwicklung. Zwar feierte Marcks nach 1945 national wie international große Erfolge, doch die wurden nicht mit seiner Bauhaus-Zeit verbunden.

Würden Sie Gerhard Marcks als einen typischen Bauhäusler für die Weimarer Zeit bezeichnen?

Das Besondere am frühen Weimarer Bauhaus war, dass es ein interessanter Schmelztiegel ganz unterschiedlicher Vorstellungen war. Marcks spricht auch von einem »goldigen Irrenhaus«. Ganz am Anfang war das Bauhaus noch nicht so klar und gerichtet. Natürlich war da Gropius mit seiner Idee, eine Kunstschule neuer Art zu gründen. Aber es kamen auch viele Schülerinnen und Schüler aus den vorhergehenden Weimarer Institutionen ans Bauhaus, die eine ganz andere Kunstausbildung genossen hatten, teilweise sehr akademisch und konservativ. Gropius hatte darüber hinaus mit seinem Manifest die unterschiedlichsten Typen angezogen, Idealisten, die etwas bewegen wollten, teilweise aber auch in utopischen Vorstellungen steckten. Insofern passte Gerhard Marcks sehr gut dazu: Er hatte eine starke Persönlichkeit und eine eigene Meinung. Er stand für die erste, handwerksbezogene Idee des Bauhauses und zog durch seine künstlerische Haltung Leute an.

Die Ausstellung »Wege aus dem Bauhaus. Gerhard Marcks und sein Freundeskreis« findet vom 17.  August bis 5. November 2017 im Neuen Museum in Weimar statt. Anschließend wird sie vom 26. November bis 4. März 2018 in Gerhard-Marcks-Haus in Bremen zu sehen sein.

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