Anton von Maron (1731-1808): Bildnis J. J. Winckelmanns, 1768 © Klassik Stiftung Weimar

Anton von Maron (1731-1808): Bildnis J. J. Winckelmanns, Detail, 1768 © Klassik Stiftung Weimar

Auf der linken Seite ist deutlich zu sehen, wo der gelbliche Firnis bereits abgetragen wurde. © Klassik Stiftung Weimar

Rechts wurde der gelbliche Firnis abgetragen. Das Rot wirkt pinkfarben und kühler. © Klassik Stiftung Weimar

Winckelmanns Selbstinszenierung

Das kurz vor Winckelmanns Abreise aus Rom entstandene Porträt zeigt den Altertumsforscher und damals bereits berühmten Autor an einem Schreibtisch sitzend auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Soeben hatte er ein weiteres Hauptwerk, die Monumenti antichi inediti, abgeschlossen, das auf der Basis intensiver philologischer Studien und der Beschreibung zahlreicher Belegstücke einen neuen hermeneutischen Ansatz zur Deutung antiker Kunstwerke verfolgte. Als wichtige Stütze seiner Argumentation sollten über 200 Illustrationen den Text ergänzen.

Während des Entstehungsprozesses des Gemäldes wurde der für dieses Projekt nach einer Zeichnung von Nicolas Mosman gestochene Kupferstich mit dem Antinous-Relief aus der Sammlung des Kardinals Albani fertiggestellt. Im Bildnis liegt das frisch produzierte Blatt auf dem Manuskript, von dem Winckelmann, noch die Feder haltend, aufblickt. Links hinter ihm erscheint eine Reliefplatte mit der Darstellung des Merkur mit einer weiblichen Figur in der Hand, die Winckelmann als Seele der Proserpina deutet.

Auf der linken Seite ist deutlich zu sehen, wo der gelbliche Firnis bereits abgetragen wurde. © Klassik Stiftung Weimar

Auf der linken Seite ist deutlich zu sehen, wo der gelbliche Firnis bereits abgetragen wurde. © Klassik Stiftung Weimar

Die Büste des Homer rechts im Hintergrund steht nicht nur für eine der wichtigsten Inspirationsquellen Winckelmanns, sie deutet zugleich an, dass der Gelehrte die Beschreibungen in der griechischen und römischen Literatur als Primärquellen für die Identifizierung und Neubenennung antiker Kunstwerke nutzte.

Der Maler des Porträts war über den persönlichen Kontakt sowie über seinen Lehrer und Schwager Anton Raphael Mengs mit den Ideen Winckelmanns bestens vertraut. Neben den direkten Bezügen zu dessen aktuellen Forschungen gelang ihm ein repräsentatives Bildnis in Anlehnung an die zu dieser Zeit in Rom populären Porträts englischer Grand-Tour-Reisender, wie sie vor allem von Pompeo Batoni gemalt wurden. Auch diese ließen sich häufig im seidenen, pelzbesetzten Hausrock mit einem Buch oder einem antiken Kunstobjekt darstellen, um ihre Sammelinteressen und ihre privilegierte Stellung in finanzieller Unabhängigkeit zur Schau zu stellen.

Auf dem Winckelmann-Bildnis von Maron kennzeichnet der Hausmantel somit nicht nur die häusliche Gelehrtentätigkeit. Vielmehr demonstriert das in besonderem Maße voluminöse und auffällig rot changierende, mit einem üppig hervorquellenden Pelz gefütterte Kleidungsstück eine gewisse Gleichrangigkeit der dilettierenden Gentlemen mit dem trotz einer offiziellen Anstellung im Haus des Kardinals Albani auf seiner Unabhängigkeit beharrenden Autor.

An eine selbstbewusste Künstlerattitüde, wie sie beispielsweise in Selbstbildnissen von Malern anzutreffen ist, erinnert das in seiner Farbwirkung irritierend disharmonisch zu dem Hausmantel angelegte, betont leger um den Kopf geschlungene Tuch. Die sowohl einladende als auch belehrend zu deutende Geste der linken Hand Winckelmanns kann zusammen mit dem direkt auf den Betrachter gerichteten, freundlichen Blick als eine werbende Offerte seiner in den Schriften formulierten Botschaft verstanden werden.

Rechts wurde der gelbliche Firnis abgetragen. Das Rot wirkt pinkfarben und kühler. © Klassik Stiftung Weimar

Rechts wurde der gelbliche Firnis abgetragen. Das Rot wirkt pinkfarben und kühler. © Klassik Stiftung Weimar

Gleichzeitig verrät der informelle Habitus eine Vertrautheit zwischen Winckelmann und dem Auftraggeber Heinrich Wilhelm Muzell-Stosch, mit dem er viele Jahre in Freundschaft verbunden war und dem er große Unterstützung zu verdanken hatte. Wie sehr Maron darum bemüht war, bei aller treffenden Ähnlichkeit zugleich auch ein idealisiertes Bild Winckelmanns zu schaffen, zeigt die in dessen Briefen an Heinrich Wilhelm Muzell-Stosch wiederholt angesprochene, insgesamt vierfache Übermalung des Kopfes.

Wesentliche Elemente der Komposition wie der Bildnistyp, Haltung und Kleidung wurden bereits in einem frühen Stadium festgelegt, worüber sich nicht der Maler, sondern Winckelmann mit Muzell-Stosch verständigte und auf diese Weise Einfluss auf die Auswahl der zentralen Bildmotive nahm. Erst 1769, ein Jahr nach Winckelmanns Tod, gelangte das Gemälde an seinen Adressaten in Berlin.

In Weimar, wo es seit 1805 in herzoglichem Besitz nachweisbar ist, bildete es für die Winckelmann-Rezeption und -Verehrung ein wichtiges und vielfach reproduziertes Referenzstück.

Die Ausstellung »Winckelmann. Moderne Antike« ist vom 7. April bis 2. Juli 2017 im Neuen Museum in Weimar zu sehen.

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